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CD WALTER BRAUNFELS: Kammermusik für Streicher Gesamtaufnahme – MINGUET QUARTETT

21.09.2022 | cd

CD WALTER BRAUNFELS: Kammermusik für Streicher Gesamtaufnahme – MINGUET QUARTETT

Kratzbürstig polyphon überladen und dennoch faszinierend

braun

Mit der Oper „Die Vögel“, die bei DECCA in der Reihe ‚Entartete Musik‘ 2004 mit Kwon, Holzmair, Kraus und Wottrich in den Hauptpartien und dem DSO Berlin unter Lothar Zagrostek erschienen ist, begann sich nach und nach eine Braunfels-Renaissance auf den Bühnen, in Konzertsälen und vor allem dank des Engagements des Labels Capriccio auch auf Tonträgern durchzusetzen. Liebhaber historischer Aufnahmen werden ev. noch die Einspielung des „Te Deum“ op. 32 aus den fünfziger Jahren mit Leonie Rysanek, Helmut Melchert, dem Gürzenich Chor, dem Kölner Rundfunk-Sinfonie-Orchester unter der musikalischen Leitung von Günter Wand kennen.

Braunfels galt in der Weimarer Republik als einer der wichtigsten und populärsten Opernkomponisten, auch den Aufführungszahlen nach. Seine Oper „Die Vögel“ wird mittlerweile landab landauf gespielt, vor kurzem u.a. an der Oper Köln und an der Opéra National du Rhin. Für eine publicityträchtige Braunfels-Produktion in Berlin zeichnete der schon schwerkranke Christoph Schlingensief verantwortlich. Er inszenierte 2008 Braunfels‘ “Heilige Johanna“ für die Deutsche Oper Berlin. Es handelte sich um eine szenische Uraufführung, die unter Kritikern als Wiederentdeckung des Jahres galt. Die Produktion wurde 2010 wieder aufgenommen.

Aber wer kennt schon Kammermusik von Walter Braunfels? Das Kölner Minguet-Quartett hat nun die Streichquartette Nr. 1 a-moll Op. 60 (1944); Nr. 2 F-Dur Op. 62 (1944); Nr. 3 e-moll (1946/47/53) sowie das Streichquintett in fis-moll Op. 63 (1946/47) mit Jens Peter Maintz am zweiten Cello aufgenommen. Da Braunfels an der zweiten Preußischen Musikhochschule in Köln von 1925 bis 1933 als Präsident und Hochschullehrer wirkte, soll mit den beiden CDs als „klingendem Denkmal„ dem genius loci gehuldigt werden. Es handelt sich abgesehen vom Streichquartett Nr. 3 nicht um Ersteinspielungen. Die ersten beiden Streichquartette finden sich bereits seit 1998 im Katalog. Da sind beim Label cpo Aufnahmen mit dem Auryn Quartett erschienen. Ebenfalls bei cpo gibt es das Streichquintett in fis-moll op. 63a in einer Version für Streichorchester mit dem Münchner Rundfunkorchester unter Ulf Schirmer. Vergriffen ist leider die Aufnahme des Streichquintetts bei Profil/Hänssler mit dem Cellisten David Geringas und dem Gringolts Quartett.

Der in Frankfurt am Main geborene Walter Braunfels startete die musikalische Ausbildung am Dr. Hoch’s Konservatorium. Nach einem kurzen Liebäugeln mit der Nationalökonomie geht Walter 1902 nach Wien, um Klavier und Theorie zu lernen. Das wichtigste Vorbild und sein Mentor wird Felix Mottl am Nationaltheater München. Als Komponist machte er zuerst 1909 mit den „Symphonischen Variationen“ von sich hören. Dann folgte die Oper „Prinzessin Brambilla“, aus der Taufe gehoben von Max von Schillings als Dirigenten. Den großen Laufbahndurchbruch markierte 1920 die Oper „Die Vögel“. Weitere Höhepunkte in Braunfels’ Schaffen waren die „Phantastischen Erscheinungen“ eines Themas von Hector Berlioz, „Don Gil von den grünen Hosen“, die „Große Messe“ und „Don Juan“. 1923 wird Braunfels Mitglied der Berliner Akademie der Künste und 1925 Gründungsdirektor der Kölner Musikhochschule. 

1938 untersagten die Nationalsozialisten die Aufführung aller Werke. Schon 1933 verlor Braunfels alle öffentlichen Ämter. Während dieser Zeit bis 1945 lebt er in Überlingen am Bodensee, nahe der Schweiz. Dort entstehen die Streichquartette und das Streichquintett. Nach Kriegsende wird Braunfels bis 1950 wieder Direktor der Kölner Musikhochschule. Der in Relation zu den Zwölftönern und Komponisten serieller Musik klassisch-spätromantische Duktus, zudem vergleichbar mit Max Reger polyphon komplexe Geist seiner Musik sowie die eskapistische Haltung des Komponisten (Ute Jung-Kaiser bezeichnet das im Booklet als „bildungs- und glaubensbedingte Aversion gegen den Ungeist der Zeit“) ließen ihn am Ende als altmodischer Außenseiter dastehen.

Da rein akademische Betrachtungsweisen heute nicht mehr interessieren, und Anachronismen in Bezug auf so etwas wie künstlerische Fortschrittlichkeit nicht mehr relevant sind, darf das kammermusikalische Vermächtnis von Walter Braunfels unvoreingenommen mit Interesse gehört werden. Zumal, wenn es – wie in dieser Edition – klanglich so durchhörbar, klar und sanft im spirituellen Trost serviert wird wie vom Minguet Quartett.

Das Ensemble verdankt seinen Namen Pablo Minguet e Yrol, einem spanischen Philosophen des 18. Jahrhunderts. Dieser plädierte in seinen Schriften stets dafür, breiteren Kreisen der Bevölkerung Kunst zugänglich zu machen. Historisch sollte so in erster Linie das wachsende Bedürfnis des spanischen Bürgertums nach musischer Betätigung abseits des Adels befriedigt werden. 

In dem nun vorliegenden Album ermöglicht es die expressiv wie präzise differenziert aufspielende Formation, die sich seit der Gründung 1988 besonders für zeitgenössische Kompositionen einsetzt, Musikinteressierten zum ersten Mal, das kammermusikalische Werk mit Streichern des Walter Braunfels vollständig erforschen zu können. Die musikalische Reise lohnt sich. Für alle, die spätromantische Musik gewürzt mit rätselhaft aus der Ferne grüßenden Fugen lieben, eröffnet das Album eine Fundgrube an originärer musikalischer Invention in tonal ausgeweiteter Harmonik. Das Weltabgewandte der Musik gibt gerade in Übergangszeiten wie diesen nicht nur zu denken, sondern auch Freiraum zu individuellem Fühlen und Erkunden von kreativen Räumen, die gerade in der Musik unendlicher und schillernder nicht sein können.

Dr. Ingobert Waltenberger

 

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