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CD: W. A. MOZART: SINFONIA CONCERTANTE B-Dur, Orchesterfassung der Gran Partita KV 361, CHRISTIAN CANNABICH: SINFONIA CONCERTANTE Es-Dur; BR-Klassik

01.04.2026 | cd

CD W. A. MOZART: SINFONIA CONCERTANTE B-Dur, Orchesterfassung der Gran Partita KV 361, CHRISTIAN CANNABICH: SINFONIA CONCERTANTE Es-Dur; BR-Klassik

REINHARD GOEBEL dirigiert das Münchner Rundfunkorchester

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Das Treiben der ungemein geschäftstüchtigen Mozart-Witwe Constanze, das rührige Drucks- und Verlagshaus André in Offenbach am Main, die unter dem Namen „Sinfonia concertante“ von Franz Gleißner erstellte Orchesterfassung der Gran Partita, KV 361, Mozarts für Bläser und Streicher als auch die grenzenlose Bewunderung des jungen Mozart für den Leiter des Mannheimer Hoforchesters, Christian Cannabich, bilden die musikhistorischen Ingredienzien für das vorliegende Album.

Wobei die Weltersteinspielung dieser Gran Partita-Bearbeitung durch den Münchner Hofkomponisten Franz Gleißner mit dem Dirigenten Reinhard Goebel und dem Mozarteum Orchester Salzburg bereits 2020 erfolgte (Album „New Mozart“, erschienen bei Sony). Die vorliegende Neuaufnahme entstand im Mai 2025 im Studio 1 des BR.

Dieser Franz Johannes Gleißner war Hofkontrabassist am Münchner Hof, Sänger, Verfasser eines Mozartverzeichnisses und Lithograf. Er wurde 1800 vom Offenbach‘schen Verleger gemeinsam mit dem Steindruck-Erfinder Alois Senefelder – die ersten Publikationen erfolgten 1797 – und einer Heerschar an künftigen Druckern engagiert. Das Geschäft blühte und man veröffentlichte im Haus André „allein im Jahr 1800 bereits zwanzig Neuausgaben Mozartischer Werke, etwa die gleiche Anzahl dann im Folgejahr“ (Reinhard Goebel, nebstbei auch Inhaber eines Lehrstuhls für Aufführungspraxis am Mozarteum Salzburg).

Reinhard Goebel ist bekannt für seine historisch informierten Interpretationen der „zweiten Generation“, die er besonders mit seiner Musica Antiqua Köln während deren Bestehen von 1973 bis 2005 pflegte und hegte. Ein riesiges diskografisches Vermächtnis zeugt von seiner maßstabsetzenden Arbeit als Geiger und Orchestererzieher.

Interessant ist nicht zuletzt anhand der vorliegenden Aufnahmen festzustellen, dass historisch informiert nicht unbedingt ein historisches Instrumentarium samt Darmsaiten voraussetzt, sondern sich auf Fragen der Spieltechniken, wie Bogenstrich und Vibrato, aber auch auf Artikulation, Tempowahl, rhythmische Inegalität, Ensemblegrößen, Anordnung der Musiker im Raum etc. konzentriert.

Ähnlich wie Nikolaus Harnoncourt setzt Reinhard Goebel mit einem auf modernen Instrumenten spielenden Orchester wie dem Münchner Rundfunkorchester auf eine affektgeladene bis übermütig verspielte, völlig unsentimentale Klangrede, schroffere Akzente, einen nach Instrumenten(gruppen) ausgerichteten strukturierten Klang und erhebliche dynamische Kontraste. Der (intellektuelle) Zugang wirkt klar, motorisch tänzerisch beschwingt, strahlt jedoch fallweise eine gewisse marmorne Kühle (erste beiden Sätze Mozart) aus. Hören zuerst mit dem Kopf, dann mit dem Herz.

Diese Merkmale zeichnen die Wiedergaben der beiden Werke auf dem Album aus. Besonders erfreuen in dem ganzen Hin und Her zwischen solistisch eingesetzten Bläsern und Streichern das ‚Tema con variazioni. Andante moderato‘ und das finale ‚Molto allegro‘ mit seinem fernen „Vivat Bacchus-Gruß“ aus Mozarts zur „Sinfonia concertante“ umgemodelten Bläserserenade mit dem Namen „Gran Partita“. Ursprünglich war sie für zwei Oboen, zwei Klarinetten, zwei Bassetthörner, vier Waldhörner, zwei Fagotte und Kontrabass/Kontrafagott konzipiert. In der Bearbeitung wetteifern Streicher, Holz und Blech untereinander um die erste Reihe der Aufmerksamkeit, falls es so etwas gäbe. Und das durchaus vergnüglich amüsant.

Christian Cannabichs zweisätzige Sinfonia concertante in Es-Dur ist ein besonders schönes Beispiel der ausgefeilten Kunst der Mannheimer Schule. Hier scheint das Mit- und Gegeneinander zwischen den beiden ungeheuer virtuos geführten Soloviolinen (hinreißend gespielt von Stanko Madic und Eugene Nakamura) und dem Orchester sagenhaft lebensfroh, sonnenflirrend und verschmitzt aufregend. Cannabich muss in der Nachfolge seines berühmten Lehrers Johann Stamitz, ergänzt um Studien bei Niccolò Jommelli in Rom, ein vorzüglicher Geiger gewesen sein. Für mich ist dieses umwerfend sprühende Stück die wahre Entdeckung des Albums.

Dr. Ingobert Waltenberger

 

 

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