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CD: W. A. MOZART: DON GIOVANNI – Live-Mitschnitt vom Oktober 2025 aus dem Teatro Olimpico in Vicenza; Channel Classics

22.08.2026 | cd

CD W. A. MOZART: DON GIOVANNI – Live-Mitschnitt vom Oktober 2025 aus dem Teatro Olimpico in Vicenza; Channel Classics

Andrè Schuen als subtiler Titelheld unserer Tage, Iván Fischer dirigiert das Budapest Festival Orchestra

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Der Anfang ist gesetzt. Nach „Don Giovanni“ will I. Fischer noch mit „Die Zauberflöte“ und „Le nozze di Figaro“ im Sinne eines kleinen Mozart-Zyklus nachlegen. Ivàn Fischer sieht „seinen Giovanni“ nicht als dämonischen Antagonisten, als Antichrist, nicht als mephistofelischen Finsterling und Testosterontoxiker, sondern als Verkörperung vollkommener Freiheit.

Wie Fischer in einem Interview und bei Proben sagte, will er in seiner Interpretation die Welt durch die Augen Don Giovannis wahrnehmen, wobei die Statue des Komturs uns, die Gesellschaft und deren scheinheilige Entrüstung symbolisiert. Das Publikum kann durch Don Giovanni angezogen und fasziniert sein, wie es ihn zugleich in die Hölle wünscht.

Dementsprechend verzichtet Fischer in seiner Aufführung auf das Schlusssextett ‚Questo è il fin di chi fa il mal, Ah, dov’é il perfido‘. Was ich persönlich für problematisch halte, weil genau dieses Sextett die Protagonisten moralisch entkleidet. Die Gefahr, ins Ungewisse und Dunkle abzurutschen, ist gebannt. Jetzt kann jeder und jede die „korrekte“ große Klappe schwingen.

Ivàn Fischer lässt Mozarts Wunderpartitur duftig schwingen und pastell durchleuchtet atmen, feingliedrig an- und abschwellen, in Details aufblühen. Weder spätromantisches martialisches Donnern noch historisch informiertes Überakzentuieren charakterisieren seine Lesart. Vielleicht war es einer bestimmten geschmeidigen Klangkultur förderlich, dass die szenische Aufführung aus Vicenza stammt. Ich höre sehr viel Italianità in diesem „Don Giovanni“, weniger nihilistische Apokalypse. Das betrifft besonders die typischen spätbarocken opera seria Nummern, wie die Arien der Donna Anna oder des Don Ottavio.

Das Archaische und Anarchische des Mythos tritt so in den Hintergrund. Das offenbar auch in vielen von uns DNA-isierte Menschliche/Allzumenschliche (?) des zügellosen Besitzenwollens, der Sucht nach individueller Triebbefriedigung und grenzenloser bis entgrenzter Freiheit, koste es was es wolle, findet in Fischers musikalischer Aneignung einen sozusagen überparteilichen Anwalt. So ist es vor allem die musikalische Detailzeichnung, der wogende Fluss der Musik, die diesen „Don Giovanni“ reizvoll und anders macht und nicht das Feuer der Hölle wie bei Currentzis.

Vokal ist in dieser Oper in unzähligen, teils zurecht mythischen Einspielungen (Busch, Furtwängler, Klemperer, Karajan, Böhm, Giulini, Sawallisch u.a.) die jeweilige Top-Liga aufgeboten worden. Bestimmte Einzelleistungen waren und sind auf ihre Art nicht zu toppen.

Das vorweggenommen, ist Andrè Schuen, der die Partie schon unter Nikolaus Harnoncourt im Theater an der Wien verkörperte, kein viril aristokratischer Beau à la Eberhard Wächter, kein testosterongeballter Erotomane wie George London sowie kein gefährlich in Macht sich suhlender Brutalo wie Ruggero Raimondi oder Erwin Schrott.

Schuen stapft mit weicheren Pfoten durch das frou frou knisternde Universum der Frauen. Zuerst darf er lebenswitziger Spieler auf den schwindenden Spuren am Kamm des Erfolgs sein, später mutiert er zum trotzig auf seinen Status des „Alles sich herausnehmen Könnens“ beharrender Absteiger. Unprätentiöser, weniger auftrumpfend, vielleicht vordergründig raffinierter, sicherlich ein introvertierterer Anpirscher als seine berühmten Vorgänger, scheint dieser Don Giovanni wandelbar wie ein Chamäleon, kaum greifbar in seinen Phantasien und Obsessionen.

Stimmlich zeigt sich Schuen wesentlich lyrischer und klangheller als London, Ghiaurov oder Raimondi. Manchmal geht ein kleiner Erdenrest an sonorer Tiefe und aufrüttelndem Volumen ab. Dafür verkörpert Andrè Schuen einen heutigen Hitzkopf und, wo aussichtsreich, glatten Wolf im Schafspelz. Was bei Schuen weiter auffällt, ist, dass viele der gängigen Giovanni-Klischees in seiner Darstellung aufgrund von jugendlicher Ausstrahlung, poetischerer Grundierung und unaufdringlicherer Männlichkeit außer Kraft gesetzt scheinen.

Ein elaborierter Künstler, ein Tarner- und Täuscher ist dieser Frauenverführer, der dann am überzeugendsten wirkt, wenn er sein Ständchen ‚Deh vieni alla finestra‘ vorträgt, sein sehnsuchtsvolles Legato strömen lässt oder den zerknirscht Reuigen gibt. Dagegen kommt die Champagnerarie ‚Fin ch’han dal vino‘ eher kleinperlig moussierend als überschäumend aufs Tapet. Schuen führt uns einen Getriebenen vor, dem das Gesamtwerk seines Tuns wichtiger ist als der soundso fragliche Genuss der einzelnen machiavellisch indizierten Akte. Als schummrig verschleierte Sonne drehen sich um diesen eigenwillig gefilterten Lichtpol – Achtung Verbrennungsgefahr! – die Planeten der übrigen Protagonisten.

Wobei Leporello, Don Ottavio, Masetto und Il Commendatore, was Rollenprofilierung, Kernigkeit, stimmlicher Expansionsfähigkeit und individuellem Timbres nach, unter heutigen Maßstäben sehr gut besetzt sind. Allen voran Luca Pisaroni als dunkler gefärbter, die Spaßetteln seines Herrn mit allen Mitteln schützender Hüter und zugleich geerdeter Gegenpol zu Don Giovanni. Noch zynischer als der Meister, bringt er die dramma giocoso Atmosphäre des Stücks eindringlich zur Geltung. An derber Volkstümlichkeit gleich, gibt Daniel Noyola einen bäurisch tumben Masetto. Bernhard Richter, einer der vielversprechendsten lyrischen Tenöre der Gegenwart, reüssiert als vokal stilvoller, vollendet zivilisierter Verehrer der Donna Anna. Krisztiàn Csar ist ein bedrohlich orgelnder Il Commendatore wie aus dem Opernschulbuch.

Bei den Damen hinterlässt Samantha Gaul mit ihrem klaren lyrischen Sopran als quirlige und abenteuerlustige Zerlina den erfreulichsten Eindruck. Miah Persson als von Eifersucht in Treue geplagte Donna Elvira bringt in die Gestaltung sensuale Fragilität und charakterliches Tiefenprofil ein. Maria Bengtsson als mystische Donna Anna ist ein stimmliches Leichtgewicht. Vor allem die satteren Farben und die dramatische Attacke gehen ab. In Anbetracht der Übermacht an legendären historischen Vorbildern auf Tonträgern hinterlässt ihre Donna Anna bei mir wenig Nachhall. Natürlich bieten Persson und Bengtsson manch vokal bemerkenswerten psychologischen Feinsinn. Wer jedoch emotional feurige, existenzielle Naturgewalten erwartet, wird möglicherweise enttäuscht sein.

Als weitere Beteiligte sind Studenten der Universität für Theater und Filmkunst Budapest sowie das Tanzensemble der I. Fischer Opernkompanie genannt.  

Dr. Ingobert Waltenberger

 

 

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