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CD VIVALDI IN PRAG – The Harmonious Society of Tickle-Fiddle Gentlemen; Accent

11.06.2026 | cd

CD VIVALDI IN PRAG – The Harmonious Society of Tickle-Fiddle Gentlemen; Accent

Wie schön sind Venedig und Prag – wie umwerfend sind sie erst zusammen: Virtuosissima Orchester und böhmisches Musikantentum

viva

Künstlerisch beflissen, musikbesessen und weltgewandt waren sie. Die Vertreter der böhmischen Aristokratie wandten sich als Referenz für das Prestige ihrer Höfe bevorzugt an italienische Musiker des frühen 18. Jahrhunderts. Wer eignete sich dazu in geografischer Nähe und als Innovator ruhmreicher als Antonio Vivaldi?

Er erlaubte es den Proponenten des Adels, gesellschaftlich zu glänzen, ihre Kennerschaft hervorzukehren, aber vor allem böhmischen Musikern, sich die Errungenschaften der venezianischen Barockmusik anzueignen und auf ihre Weise und dem nördlichen genius loci gehorchend, fantasievoll weiter zu entwickeln.

Die Geschichte begann mit Graf Wenzel von Morzin aus Prag. Dieser suchte 1718 mit seinem Virtuosissimo-Orchester Venedig auf und erkor Vivaldi als ‚seinen‘ maestro di musica italiano‘.

Neben diesem Widmungsträger von Vivaldis „Vier Jahreszeiten“ war es vor allem der opernbegeisterte Graf Anton von Sporck, der die interkulturelle Verbindung zwischen Venedig und Prag auf vielfältige Art begründete und besiegelte. Eine weitere Persönlichkeit, die in der Sehnsucht nach südlichem Licht und Lebenslust gerne mitmischte und als Mäzen fungierte, war Graf Joseph Johann Adam von Liechtenstein, dem Vivaldi als Dank immerhin seine Partitur zur Oper „Il Farnace“ widmete.

Das Programm des vorliegenden, in der Kirche St. Mary the Virgin im englischen Kent aufgenommenen Albums geht auf den Musikologen und Spezialisten für historisch informierte Aufführungen Robert Rawson zurück. Bereits 2013 hat Rawson eine Arbeit über böhmischen Barock mit dem Titel „Czech Musical Culture and Style, 1600-1750“ (Woodbridge) publiziert. Auf dem Album fungiert er nicht nur als wissender Verfasser des Aufsatzes „Das Prager virtuosissima Orchester“, sondern auch als musikalischer Leiter und Kontrabassist.

Neben Kompositionen von Antonio VivaldiFagottkonzert ‚per Morzin‘, RV 496, von Rawson rekonstruierte Arien aus den Pasticcios „Praga nascente da Libusa e Primislao“ sowie „Il confronte dell’amor coniugale“ sowie der Oper „Argippo“ RV 697-B – hören wir von Vivaldi inspirierte Musik der böhmischen Musiker und Tonsetzer Antonín Reichenauer, František Antonín Míča und František Jiránek.

Der fruchtbarste und best dokumentierte unter ihnen, Antonín Reichenauer, war zuerst Chorleiter in der Dominikanerkirche der heiligen Maria Magdalena in Prag, später Musiker in den Diensten des Grafen Morzin. Auf dem Album „Vivaldi in Prag“ ist er prominent mit einem „Konzert für Violine und Streicher“ in c-Moll, der Weltpremiere des virtuosen gleichwie melodienseligen „Doppelkonzerts für Oboe, Fagott und Streicher“ sowie der Kantate de B.V.M. ad Montem Sanctum ‚Quae est ista‘ für Bass, Oboe, Violine, Fagott und basso continuo vertreten.

Zu den in typisch venezianischer Italo-Manier sprühenden schnellen Sätzen gesellen sich manch schwermütigere, in ihrem Gegenlicht intensiv granatfarbene Klänge.

František Jiránek war Geiger im Morzin’schen Orchester. Der junge Musiker durfte im Auftrag seines Herrn nach Venedig reisen und erhielt dort Privatunterricht bei Vivaldi. Das Ergebnis wird besonders durch sein Violinkonzert in d-Moll offenkundig.

Rawson weiß dazu: „Besonders auffällig bei Jiránek ist der Kontrast zwischen inneren und äußeren Stimmen, seine ausladenden Themen in den Ritornellen und die außergewöhnlichen Solopassagen, die weit über das Material hinausgehen, das sie untermalen. Der betörende langsame Satz mit seiner langgezogenen Melodie, die über einem sanften Orchesterpuls schwebt, offenbart eine deutliche Anlehnung an die italienische Oper, die sich ab 1724 in Prag etablierte.“ Da wollte der Schüler seinen Lehrer übertreffen. Das Ergebnis spricht für sich. Sollte die Absicht vielleicht nicht ganz mit der Realität koinzidieren, so bescherte der kecke Jungspund dem Publikum doch ein temperamentvolles, brillantes und atmosphärisch spannendes Konzerterlebnis der Sonderklasse.

A propos Oper: Den wenigsten dürfte Vivaldis Nähe zum damaligen Prager Opernbetrieb ein Begriff sein. Das begann so: Graf Anton von Sporck lud eine venezianische Operntruppe zuerst in sein nordböhmisches Schloss Kuks, dann nach Prag ein. Das war 1724. Dazu kam Impresario Antonio Denzio ins Spiel, der dem italophilen Publikum in Prag Pasticcios anbot, also aus vorhandenen, die Texte beliebig variierenden Arien beliebter Komponisten zusammengeschusterte ‚neue Stücke‘. Da passte es, dass Vivaldi als Denzios Verbindungsmann in Venedig fungierte und Besetzungen für böhmische Aufführungen auswählte.

Das englische Ensemble „The Harmonious Society of Tickle-Fiddle Gentlemen“ überzeugt mit einer bunten, eher fein zeichnenden, denn überschwänglichen musikalischen Umsetzung durch Robert Rawson. Eine besondere Erwähnung verdienen die vorzügliche Fagottistin Sally Holman sowie der profunde Bass Tim Dickinson, Solist der sakralen Kantate „Quae est ista“ des Antonín Reichenauer.

Ein Einwand betrifft den Vortrag der Sopranistin Hana Blažíková. Da mischt sich in die das Album eröffnende Arie ‚La Cervetta‘ aus dem Pasticcio „Praga nascente da Libue e Primislao“ sowie František Antonín Míčas Arie ‚„Jako plamen vzhůru cílí‘ aus dessen Kantate „Čtyři živlové“ manch harte, glanzlose Höhe. Ihrer instrumental geführten Stimme fehlt es so an der nötigen Geschmeidigkeit. Überzeugender und expressiv kongruenter gelingt Blažíková ‚Gelido in ogni vena‘, eine der schönsten venezianischen Barockarien überhaupt.

Hingegen erfreut die Kontraaltistin Ciara Hendrick als Messalina in Vivaldis in tschechischer Sprache gesungener Arie ‚Jsme veseili a zpivame‘ aus dem Pasticcio „Il confronte dell’amor coniugale“ frei nach Vivaldis „Farfaletta“ mit die Sinne sprenkelnden Verzierungen, einer leuchtenden Mittellage und genießerisch verführerischen tiefen Lage. Der spezielle Reiz der Arie und ihrer Instrumentalbegleitung liegt in der lautmalerischen Nachahmung von Flügeln flatternder Vögelchen.

Das bei aller Originalität der vorgestellten, hier teils erstmals präsentierten Werke, niemand den Meister selbst übertrifft, offenbart sich nicht zuletzt machtvoll an der genialen, in elegischen Seufzern raffiniert klangpinselnden Arie ‚Gelida in ogni vena‘ aus „Argippo“.

Fazit: Es lebe Vivaldi und sein böhmisches, europäisch weit streuendes Abenteuer.

Dr. Ingobert Waltenberger

 

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