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CD: Vivaldi 10 13 Violin Concertos Giuliano Carmignola I Solisti Aquilani Arcana, A594

26.04.2026 | cd

CD: Vivaldi 10 13 Violin Concertos Giuliano Carmignola I Solisti Aquilani Arcana, A594

Carmignola knackt den venezianischen Jackpot

dido

Die Vorstellung, Antonio Vivaldi habe lediglich ein einziges Konzert fünfhundertmal abgeschrieben, gehört zu den hartnäckigsten Irrtümern der Musikgeschichte. Luigi Dallapiccola mag diesen Spott einst in die Welt gesetzt haben, doch ein Blick auf die nackten Zahlen und die schiere Schaffenswut des „Prete Rosso“ straft solche Urteile Lügen. Mit 96 Opern, hunderten geistlichen Werken und über 600 Instrumentalstücken gleicht sein Oeuvre eher einem brodelnden Vulkan als einer braven Notenmanufaktur. Giuliano Carmignola, der unvergleichliche Virtuose aus Treviso, hat es sich nun zur Aufgabe gemacht, diesen Giganten der Barockmusik mit einem persönlichen Triumph zu ehren. Mit seiner neuesten Einspielung erreicht er eine Marke, die im Bereich der historischen Aufführungspraxis Seltenheitswert besitzt: Er hat nun glatt einhundert Violinkonzert-Aufnahmen des Venezianers im Kasten.

Dieser Meilenstein ist weit mehr als eine rein statistische Spielerei. Hinter der runden Zahl verbirgt sich eine Geschichte, die an einem nebligen Dezemberabend des Jahres 2024 in Venedig ihren Lauf nahm. Gemeinsam mit dem Musikforscher Olivier Fourés saß Carmignola bei einem Glas Wein und begann, die eigene Diskografie kritisch zu sichten. Ohne die üblichen Tricksereien, bei denen man die „Vier Jahreszeiten“ dreifach zählt oder Bonus-Tracks dazu schummelt, standen am Ende siebenundachtzig Konzerte auf dem Papier. Der sportliche Ehrgeiz war geweckt: Die Hundert musste fallen. Aber bitteschön nicht mit den üblichen Verdächtigen, sondern als Entdeckungsreise in die unerforschten Winkel des vivaldischen Kosmos. Dreizehn Erstveröffentlichungen finden sich daher auf dieser Doppel-CD (Arcana, 2026), die den Forscherdrang und die ungebrochene Spielfreude des Geigers dokumentieren.

Das Besondere an dieser Produktion ist das Instrument, das Carmignola für diesen Kraftakt wählte. Er verzichtete bewusst auf den Einsatz einer sündhaft teuren Stradivari oder Guarneri. Stattdessen vertraute er einer Geige des katalanischen Geigenbauers David Bagué i Soler, die erst im Jahr 2024 fertiggestellt wurde. Ein modernes Instrument, das von den Arbeiten der Mailänder Familie Testore inspiriert ist und Carmignola förmlich auf den Leib geschneidert wurde. Der Klang ist direkt, physisch greifbar und frei von jeder musealen Ehrfurcht, die so oft die Lebendigkeit barocker Musik erstickt.

Das Programm selbst schlägt geschickt den Bogen zwischen der Vergangenheit und der Gegenwart. Carmignola erinnert an seinen Lehrer Nathan Milstein, mit dem er 1972 in Siena studierte, und greift dessen Vorliebe für das leuchtend einfache Konzert RV 233 auf. Es sind Stücke voller räumlicher Spiele und lichter Höhen, die zeigen, dass Virtuosität bei Vivaldi nie Selbstzweck ist, sondern immer dem Ausdruck dient. In den Doppelkonzerten, etwa dem herrlich chaotischen RV 506 oder den schon maskenballartigen Stücken RV 512 und 525, findet er in Daniele Orlando und den Solisti Aquilani kongeniale Partner. Hier wird nicht steif musiziert, sondern kommuniziert. Die Musiker werfen sich die Motive mit einem Lächeln zu, das man durch die Lautsprecher förmlich sehen kann. Es ist ein lebendiges Miteinander, weit entfernt von der hermetischen Einsamkeit späterer Epochen.

Besonderes Augenmerk verdient das Spätwerk Vivaldis, das Carmignola schon lange als seine liebste Schaffensperiode bezeichnet. In Konzerten wie RV 282 oder RV 372 zeigt sich ein Komponist, der den galanten Zeitgeschmack Europas zwar registriert, ihn aber mit einer barocken „theatralischen Unverschämtheit“ würzt, die damals selbst Zeitgenossen wie Quantz in Staunen versetzte. Diese späten Stücke sind nervöser, rhapsodischer und bisweilen wunderbar unberechenbar. Carmignola meidet dabei jene endlosen Sechzehntel-Kaskaden, die nur die Finger ermüden, und konzentriert sich auf die sanglichen Linien und die dramatischen Kontraste. Das Konzert RV 372, ursprünglich für das Mädchen Chiareta am Ospedale della Pietà geschrieben, sprüht nur so vor Geist und Witz.

Die Aufnahme fängt diese Atmosphäre lebendig ein. Es gibt keine unnötigen Effekte, keine künstlich aufgeblasene Dramatik. Stattdessen dominiert eine Klarheit, die den Blick auf die Details freigibt, ohne das große Ganze aus den Augen zu verlieren. Man spürt die Affinität des Solisten zu jedem einzelnen Takt. Carmignola spielt Vivaldi nicht, er lebt ihn. Es ist eine Hommage an die profuse Schaffenskraft eines Mannes, der behauptete, ein Konzert schneller komponieren zu können, als ein Kopist es abzuschreiben vermochte. Mit dieser Einspielung hat Carmignola nicht nur eine Marke gesetzt, sondern dem „Roten Priester“ ein Denkmal errichtet, das so frisch und unverbraucht klingt, als wären die Noten erst gestern getrocknet.

Dirk Schauß, im April 2026

 

Vivaldi 10

13 Violin Concertos

Giuliano Carmignola

I Solisti Aquilani

Arcana, A594

 

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