CD „VISIONS DU DIABLE“ – JOHANNA ROSE spielt Musik von MARIN MARAIS und ANTOINE FORQUERAY; Rubicon

Jordi Savall hat die Viola da gamba weit über den Kreis nerdiger Barockmusikspezialisten hinaus bekannt und populär gemacht. Es handelt sich bei der Gambe um jenes faszinierende historische Instrument, das zwar aussehen mag wie ein Cello, mit seinen sechs bis sieben Saiten aber komplett anders zu handhaben ist. Savall hat in den 60-er Jahren das Instrument für sich entdeckt. Basierend auf historischen Quellen brachte Savall sich das Spiel selbst bei, bevor er sich als junger Musiker an der Schola Cantorum in Basel fortbilden konnte.
Den eigentlichen öffentlichkeitswirksamen Schub bekam das sanft brummende bis edelnäselnde Instrument durch den Film „Tous les matins du Monde“ des französischen Regisseurs Alain Corneau. In diesem Film verkörperten Gérard und Sohn Giullaume Depardieu die Hauptproponenten der Gamben-Musikerfamilien des Marin Marais und seines Lehrers Monsieur de Sainte-Colombe. Für die wunderbare Filmmusik verantwortlich zeichnete wieder Jordi Savall.
In dieser Tradition, erweitert um experimentelle Ausflüge in Zeitgenössisches, bewegt sich die in Basel, Mailand und Sevilla ausgebildete Johanna Rose. Auf ihrem neuen, „Histoires d’un Ange“ nachfolgenden Album „Visionen des Teufels“ musiziert sie gemeinsam mit dem Cembalisten Javier Nuñez die Suite Nr. 6 in e-Moll aus dem ‚Deuxième livre de pièces de viole von Marin Marais, wobei der Cembalist erst bei Track Nr. 7 dazustößt, der berühmten Hommage „Tombeau pour Mr. de Ste Colombe“.
Als musikalisch korrespondierender Programmpunkt folgt die Suite Nr. 5 in c-Moll aus den ‚Pièces de Viole avec la Basse Continue‘ von Antoine Forqueray, jenem Gamben-Berserker, der lieber frei und lustvoll improvisierte als bloße Noten wiederzugeben.
Was an Johanna Roses Interpretationen sofort gefangen nimmt, ist der erdig sonore Klang des Instruments, einer siebensaitigen Bassgambe von Pablo Fernández Romero nach einem Modell von Nicolas Bertrand. Nicht minder faszinieren der beherzte Bogenstrich und die erzählerische Ausdruckskraft ihres über historisch rationale Rhetoriken hinausgehenden künstlerischen Humanismus. Der Ton, delikat im Ansatz, verwegen in der Gestaltung, navigiert die Hörerschaft weit durch die aufgerauten Ozeane der Passionen. Dabei ist diese so rare Kunst des Augenblicks aus Freiheit, Charme und herber Schönheit gemixt. Die Kombination mit dem zartgliedrigen Cembalo erweist sich als trefflich komplementäre Allianz. Das Album klingt solistisch mit Marais‘ „Les Voix Humaines“ aus der Suite Nr. 3 (‚Deuxième livre de pièces de viole‘) nachdenklich aus.
Fazit: Exquisite Gambenkunst in sanglicher Inbrunst und technischer Brillanz. Schärft den musikalischen Möglichkeitssinn für tänzerisch im Helldunkel changierende Traumlandschaften. Der Teufel, der Himmel? Sie haben die Wahl!
Dr. Ingobert Waltenberger

