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CD: Virtuosissima Sirena Laura Catrani, Sopran Accademia dell’Annunciata Riccardo Doni, musikalische Leitung Arcana A589

29.01.2026 | cd

CD: Virtuosissima Sirena Laura Catrani, Sopran Accademia dell’Annunciata Riccardo Doni, musikalische Leitung Arcana A589

Barbara Strozzi – Musik zwischen Bühne und Innerlichkeit

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Was Strozzis Musik so besonders macht, ist ihr permanenter Schwebezustand zwischen öffentlicher Geste und privatem Bekenntnis. Auf der aktuellen Einspielung „Virtuosissima Sirena“ ist dies erfahrbar. Ihre Kantaten sind keine kleinen Opern, sondern verdichtete Seelendramen. Oft reichen wenige Takte, um einen Affekt aufzubauen, wieder zu brechen und in eine neue Richtung zu lenken. Genau diese Wechsel nimmt die Accademia dell’Annunciata sehr ernst. Riccardo Doni vermeidet jede barocke Glätte. Die Tempi sind flexibel, die Phrasen atmen, manchmal scheinen sie bewusst leicht zu stolpern. Das ist kein Zufall, sondern Teil der Rhetorik. Strozzi denkt vom Text aus, und Doni folgt ihr darin konsequent. Rezitativisches wird nicht „schön gesungen“, sondern erzählt. Arioses darf schwelgen, aber nie selbstgefällig.

Laura Catrani ist für dieses Repertoire eine Idealbesetzung. Ihr Sopran ist nicht groß im opernhaften Sinn, aber reich an Farben. Besonders auffällig ist die Kontrolle über das Vibrato: Es wird gezielt eingesetzt, nie als Dauerzustand. Dadurch gewinnt der Text an Schärfe.

In „Godere, e tacere“ arbeitet sie fein mit Kontrasten. Das „Godere“ hat Glanz und Offenheit, während das „tacere“ sanft zurückgenommen wirkt, wie ein plötzliches Innehalten. Kleine dynamische Verschiebungen reichen hier aus, um Bedeutung zu erzeugen.

„L’amante segreto“ lebt von Intimität. Catrani singt hier mit schmalerem Ton, betont kammermusikalisch. Die Stimme scheint näher an den Instrumenten zu stehen, weniger frontal. Man hört förmlich das heimliche Flüstern, das der Text evoziert.

In „La vendetta“ zeigt sie dann eine andere Seite: schärfere Konsonanten, mehr Attacke, ohne je ins Grobe zu kippen. Die Rache bleibt kontrolliert, aber geradezu irritierend elegant. Gerade das macht sie so wirkungsvoll.

Der Klagegesang „Lagrime mie“ ist der emotionale Fixpunkt des Albums. Hier zeigt sich Strozzis Meisterschaft im Umgang mit musikalischer Zeit. Die Phrasen dehnen sich, Pausen bekommen Gewicht, Harmonien kippen unvermittelt. Catrani nutzt diese Freiräume klug. Sie kostet die Dissonanzen nicht aus, sondern lässt sie wirken. Besonders eindrucksvoll ist der Übergang von fast tonloser Klage zu voller, dunkler Klangentfaltung. Die Mezzo-Färbung ihres Soprans gibt der Musik Erdung, vermeidet jede sentimentale Überzeichnung. Das Continuo reagiert sensibel, wie ein atmender Organismus. Kein Instrument drängt sich vor, alles bleibt dem Text untergeordnet.

Die Instrumentalstücke sind dramaturgisch geschickt platziert. Legrenzis „La Savorgniana“ bringt rhythmische Schärfe und tänzerische Energie. Die Streicher spielen mit deutlich akzentuiertem Strich, manchmal kantig. Das setzt einen bewussten Kontrast zur vokalen Emotionalität.

Castellos Sonata duodecima wirkt dagegen wie ein innerer Monolog ohne Worte. Hier erlaubt sich das Ensemble mehr Freiheit, mehr Spannung in den Bögen, mehr Reibung. Die Leidenschaft ist spürbar, aber nie unkontrolliert.

In „A pena il sol“ beeindruckt die saubere Intonation und die klare Artikulation. Jeder Vokal sitzt, jeder Konsonant hat Funktion. Die Musik wirkt hier kontemplativ, mit einem leichten Zug nach innen.

„Costume de’ grandi“ bringt dann einen überraschenden Stimmungswechsel. Catrani hellt den Klang auf, nahezu spielerisch. Man spürt den ironischen Unterton, den Strozzi so meisterhaft beherrscht.

Die Cantata „Che si puo fare“ ist getragen, ruhig, von großer Innigkeit. Hier zeigt sich die Fähigkeit aller Beteiligten, Spannung ohne äußere Effekte zu halten.

Der Abschluss mit „Tradimento“ ist bewusst ambivalent. Aufgeregt, ja, aber mit einem leichten, beinahe fröhlichen Unterton. Kein bitteres Ende, sondern ein offenes.

Die Aufnahme überzeugt durch einen direkten, warmen Klang. Die Stimme ist präsent, aber nicht isoliert. Man hört das Ensemble als Einheit, mit klarer Tiefenstaffelung. Der Wechsel zwischen Gesang und Instrumentalstücken wirkt organisch und hält die Spannung über die gesamte CD.

Unterm Strich ist „Virtuosissima Sirena“ kein Effektalbum, sondern ein genau durchdachtes Porträt. Es zeigt Barbara Strozzi als Komponistin der Zwischentöne, der kontrollierten Leidenschaft und der klugen Brüche. Und es zeigt ein Ensemble, das diese Sprache versteht. Eine CD, die intensiver klingt, je genauer man hinhört.

Dirk Schauß, im Januar 2026

 

 

 

 

 

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