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CD Violinkonzerte von Mendelssohn, Bruch, Sinding, Tchaikovsky und Glasunov – IVAN und MIKHAIL POCHEKIN, LEA BIRRINGER; hänssler classic, Rubicon

23.04.2022 | cd

CD Violinkonzerte von Mendelssohn, Bruch, Sinding, Tchaikovsky und Glasunov – IVAN und MIKHAIL POCHEKIN, LEA BIRRINGER; hänssler classic, Rubicon

Nur der Musik – drei bemerkenswerte Neuerscheinungen

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Unter den frühromantischen Violinkonzerten hat wohl kaum eines größere Strahlkraft als das dem Geiger Ferdinand David gewidmete in e-Moll von Felix Mendelssohn-Bartholdy aus dem Jahr 1844. Mikhail Pochekin hat es nun mit der Württembergischen Philharmonie Reutlingen unter der musikalischen Leitung von Sebastian Tewinkel eingespielt. Der junge Virtuose betont den experimentellen Charakter des Konzerts: Die ersten zwei Sätze etwa folgen attacca aufeinander und der Solist beginnt sofort mit dem Hauptthema, was normalerweise Aufgabe des Orchesters war. Das sind zwei Neuerungen, die sich damals wohl revolutionär anhörten. Musikalisch ist schon der Anfang mit dem Appassionato Thema ein Hit, als „ob alle Emotionen dieses Lebens„ darin enthalten wären. „Und das zweite Thema klingt für mich bereits ein wenig wie von der anderen himmlischen Seite her“, meint Mikhail Pochekin und wirft sich mit ungeheurem Elan und geigerischer Eleganz mitten hinein in diesen musikalischen Kosmos voller Träumerei und wild rankender Gefühle. Mit dem Vibrato geht Pochekin, der das Mendelssohn Konzert klanglich noch in der Nähe von Mozart verortet, sparsam um. Das berühmte Mendelssohn Werk kombiniert Pochekin mit Max Bruch, aber nicht mit dessen erstem, sondern dem weitaus weniger bekannten zweiten Violinkonzert in d-Moll, Op. 44. Für Pablo de Sarasate komponiert, entstand Burchs Konzert 33 Jahre nach demjenigen von Mendelssohn. Ich höre bei Pochekin den Einfluss eines seiner prägendsten Lehrer, nämlich Christian Tetzlaff, heraus. Der an sich schlanke Ton kann, wie im Finale des ersten Satzes des e-Moll Konzertes, sehr schwelgerisch und emotional werden. Die technische Bravour geht ganz im erzählerischen Ton auf, die Piani sind von berückender Schönheit, das spontane Aufbäumen wirkt im Kontrast umso effektvoller. Die Württembergische Philharmonie Reutlingen ist Pochekin ein wissender und von der Klangpracht her erstklassiger Partner auf Augenhöhe. Die audiophile Aufnahmetechnik tut das ihrige, um diese CD allen Liebhabern romantischer Musik ohne Vorbehalte ans Herz legen zu können.

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Lea Birringer hat sich in ihrer neuen CD auch des e-Moll Konzerts von Felix Mendelssohn Bartholdy, seiner letzten Komposition für Orchester, angenommen. Die Hofer Symphoniker, dirigiert von Hermann Bäumer, nehmen die ersten beiden Sätze breiter als ihre Kollegen aus Reutlingen. Birringer bedient sich eines ausschwingerenden Vibratos als Pochekin. Was die technische Meisterschaft anlangt, so spielen beide Solisten in derselben Liga. Mit Blick auf Raffinement, Feintuning und emotionale Durchdringung hat Pochekin allerdings eindeutig die Nase vorne. Was das Album von Birringer bemerkenswert macht, ist die Koppelung mit dem ersten Violinkonzert in A-Dur, Op. 45, von Christian Sinding. Eine Repertoirerarität, die der norwegische und in Leipzig ausgebildete Schöpfer von 150 kurzen Stücken für Klavier und mehr als 250 Liedern, 1898 geschrieben hat. Außerdem hat Birring Sindings Romanze für Violine und Orchester in D, Op. 100, aufgenommen. Von der Inventionsgabe und melodischen Eingängigkeit der Themen ist das Violinkonzert, das der Tradition der deutschen Romantik verpflichtet ist, eine echte Entdeckung. Von der Rezeption als Nachfolger Griegs wahrgenommen, wurde Sinding gemeinsam mit Puccini und Richard Strauss 1909 Mitglied der Akademie der Künste in Berlin. Persönlich war Sinding eine ambivalente Person. In Extremis zeigt sich das in der Kreation des Kabarettlieds „Cocaine“, das die durch Drogen heraufbeschworenen Träumereien eines Geigers bei seinem Auftritt zelebriert, auf der anderen Seite hegte der vermehrt unter Taubheit und Gedächtnisverlust leidende Komponist ab 1938 zunehmend Sympathie für das nationalsozialistische Regime in Deutschland. Der Einmarsch der Nazis 1940 in Norwegen wird ihn zwar aufgerüttelt haben, was nicht hinderte, dass er noch acht Wochen vor seinem Tod der Nasjonal Samling, einer norwegischen faschistischen Partei, beitrat. Lea Birringer gelingt es, im vollen Bewusstsein der historischen Konnotation dieses frühe Konzert von Sinding mit kleinen Anleihen bei Wagner (Meistersinger) voller Vitalität und geigerischem Brio lebendig werden zu lassen.

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Die dritte CD, bei Profil Hänssler erschienen, widmet sich den Violinkonzerten von Peter Tchaikovsky und Alexander Glasunov. Ivan Pochekin, Bruder des Geigers Mikhail Pochekin, das Russische Nationalorchester (des Namens ungeachtet, wird es rein privat finanziert) unter dem Dirigenten Mikhail Pletnev mischen hochromantische Bravour mit intimem Ausdruck und wehmütiger Melancholie. Ivan Pochekin brilliert mit den schweren Doppelgriffpassagen bei Tchaikovsky genauso wie in den Brahmsische Komplexität mit orientalischer Klangsinnlichkeit verbindenden musikalischen Welten eines Glasunov. Stupend, berührend. In der Reflexion auch deshalb wichtig, weil die künstlerischen Biographien und die familiären Schicksale durch den Aggressionskrieg in der Ukraine etwa in den Fällen der beiden Geiger doppelt tragisch sind. Wer glaubt, die Verhältnisse für Künstler wären immer einfach schwarz-weiß, der lese, was die Brüder Pochekin – mit Teilen der Familie in beiden Ländern – in Pizzicato veröffentlicht haben: „The military invasion of Ukraine by the Russian Federation is a tragedy for the whole world and for us a very personal tragedy because our family is closely connected with these two countries. We were both born in Moscow and our relatives were born and now live in Ukraine. All of our thoughts today are with our two nations and we strongly condemn this military invasion. We express solidarity with our Ukrainian friends and hope that artists from all over the world will unite against this aggression and that peace will come to Ukraine as soon as possible.“

Dr. Ingobert Waltenberger

 

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