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CD VIOLINKONZERTE von BENDA, GRAUN, SIRMEN und SAINT-GEORGES; ZEFIRA VALOVA und IL POMO D’ORO; aparte music

12.07.2022 | cd

CD VIOLINKONZERTE von BENDA, GRAUN, SIRMEN und SAINT-GEORGES; ZEFIRA VALOVA und IL POMO D’ORO; aparte music

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Die bulgarische Geigerin Zefira Valova, Konzertmeisterin von Il pomo d’oro, stellt auf ihrem neuen Album barocke Raritäten für Violine und Orchester vor. Wer kennte sie nicht, die fröhlich und lebensfroh dahinzwitschernden Violinkonzerte von Vivaldi, Locatelli oder Tartini? Im 18. Jahrhundert waren wohl Venedig, Padua und Rom die  Städte, wo die für rasante Läufe, aufregende Triller und akrobatische Tonfolgen prädestinierte Violine und ihre konzertierenden Möglichkeiten mit Orchester auf das fantasievollste und brillanteste erprobt wurden.

Aber auch andernorts wurde im 18. Jahrhundert Violinmusik auf höchstem Niveau gespielt und geschrieben. In Deutschland etwa hat Johann Georg Pisendel, Kapellmeister, Geigensolist und Tonsetzer spätbarocker Meisterwerke in Dresden, die Violinkonzerte Vivaldis populär gemacht. Einer seiner Schüler war Johann Gottlieb Graun, der mit seinen Konzerten und Sonaten zur Etablierung einer norddeutschen Geigenschule mit dem Hof Friedrich II. von Preußen als künstlerischem Zentrum entscheidend beitrug. Graun, Sänger und Geiger, 1723 Student bei Tartini, schrieb während seiner langen Zeit als Mitglied und Konzertmeister der Privatkapelle des Königs von Preußen über 40 Konzerte, davon 17 für Violine und Orchester. Das hier eingespielte Konzert in c-Moll geht auf die Kopie einer Handschrift von Schober um 1780 zurück. Es folgt den charakteristischen Stilmerkmalen der Musik der Gebrüder Graun (auch Carl war ein angesehener Violinvirtuose und Komponist) in Sachen ausgiebiger Würze mit Synkopen und Triolen inmitten reich ornamentierter melodischer Bögen.

Wo genau die grün-imaginäre Grenze zwischen hochbarocker Repräsentanz und neuer Empfindsamkeit auch immer gelegen haben mag, der gebürtige Böhme Franz Benda hat sie gemessenen, aber frohen Schritts durchmessen. Tendenziell hieß das: Die Musik als Abbild der Seele und ihrer emotionalen Emanationen begann die strenge Polyphonie und das italienische Virtuosentum gehörig zu durchmischen: das war genau die Entwicklung, die der Graun-Schüler und Chorsängers Benda nahm. 1771 wurde ihm nach Grauns Tod der Posten des Kapellmeisters in Potsdam zuteil. Generell als hochexpressiver Geiger und als Komponist für die langsamen Sätze gerühmt, verweist sein Konzert in A-Dur exemplarisch auf diese beiden musikalischen Charakteristika, einerseits die technischen Hürden mit gefinkelten Arpeggien, Bariolagen in immer höhere Sphären schraubend, andererseits als Vorbote Mozarts im Adagio poco andante eine organische Sanglichkeit atmend.

In Venedig unterrichtete Antonio Vivaldi im ospedale della Pietà Heerscharen an begabten Musikerinnen und Musikern, um in den Kirchen eine genügend große Anzahl an Künstlern für die musikalische Seite der Gottesdienste zur Verfügung zu haben. Maddalena Sirmen wurde im ospedale Mendicanti unterrichtet, als „caso particolare“ erhielt sie mit vierzehn Jahren Unterricht bei Tartini in Padua. Sirmens Werke wurden schon zu ihren Lebzeiten in London publiziert, was der erfolgreichen Komponistin das künstlerische Überleben bis heute sicherte. Beim Violinkonzert in B-Dur, das erste aus einer Reihe von sechs Stücken, gesellen sich Hörner zu den Streichern. Simpler in der motivischen Entwicklung der Themen als auch sparsamer in den Verzierungen, zeigt sich das Konzert im finalen Rondo von einer duftig beschwingten tänzerischen Seite.

Mit den Aufführungen des Concert Spirituel begannen die Konzerte Vivaldis oder Albinonis auch in Frankreich bekannt zu werden. Das Violinkonzert in D-Dur des in Guadeloupe geborenen Joseph Bologne de Saint-Georges – es handelt sich um eine Weltpremiere auf Tonträgern – wandelt ganz nach der damaligen Pariser Mode bevorzugt in hohen Registern. Der Musiker, gleichermaßen im Zweikampf, Fechten, Schwimmen und Reiten geschult, pflegte einen persönlichen Stil mit weiten Intervallsprüngen, Bariolagen und unerwarteten chromatischen Wendungen.

Das Programm schließt mit Mozarts Rondo in C für Violine und Orchester, K. 373. Noch für Salzburg entstanden, fusioniert das schöne Stück Mannheimer und Wiener Traditionen mit der für Haydn so typischen thematischen Entwicklungsmanier.

Zevira Valova spielt auf einer dunkel timbrierten Lorenzo & Tomaso Carcassi-Geige 1760 aus Florenz. Gemeinsam mit „ihrem“ vor allem nach vielen Barockmusikaufnahmen (Opern, Sinfonien, Konzerte) her bestens für dieses Repertoire geeichten Orchester Il pomo d’Oro hat sie hochkarätige Raritäten gehoben, die klingende Exempel der Entwicklung des Violinkonzertes in Europa im 18. Jahrhundert repräsentieren. Valova versteht sich als prima inter pares der Streichergruppe, was einen integrativen, nicht in extremis kontrastierenden Musizierstil nach sich zieht. Eine runde Sache.

Dr. Ingobert Waltenberger

 

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