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CD/Vinyl MI HISTORIA AMERICANA-SUR; DANIIL TRIFONOV spielt Musik südamerikanischer und karibischer Komponisten; Deutsche Grammophon

25.09.2026 | cd

CD/Vinyl MI HISTORIA AMERICANA-SUR; DANIIL TRIFONOV spielt Musik südamerikanischer und karibischer Komponisten; Deutsche Grammophon

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Jedes Album von Daniil Trifonov ist ein Ereignis. Dieser exzeptionelle russische Klaviervirtuose, der in die USA ging, um 2009 bis 2011 mit Sergei Babayan seine Studien entscheidend voranzubringen, ist ein wahrer Weltenbürger. Da er nach dem Album „My American Story-North“ nun das südamerikanische Pendant herausbringt, werden sich viele fragen, ob denn ein vergleichbarer persönlicher Bezug bestehe. Und der ist gleich doppelt gegeben: Erstens stammt Trifonovs Ehefrau aus der Dominikanischen Republik und zweitens war er mit seiner Familie während der Corona Epidemie monatelang in diesem Karibikstaat isoliert. Das gab ihm Gelegenheit, nicht nur an Johann Sebastian Bachs „Kunst der Fuge“ zu feilen, sondern sich intensiv mit der lateinamerikanischen Musik und derjenigen der Karibik zu beschäftigen.

Wer nun ausschließlich Ohrwürmer lateinamerikanischer Folklore und deren Tanzrhythmen erwartet, wird vielleicht enttäuscht sein. Denn Trifonov hat wahrlich tief und sehr individuell geschürft. Er hat sich dabei überwiegend auf in unseren Breiten wenig bis kaum bekannte zeitgenössische Komponisten konzentriert.

So finden wir auf dem gut bestückten Doppelbaum neben Nummern berühmter Stars wie dem Argentinier Alberto Ginastera (Klaviersonate Nr. 2, ‚Milonga‘ op. 3/1) oder dem hierzulande bekanntesten Vertreter brasilianischer Musik Heitor Villa-Lobos (‚Valsa da dor‘, ‚Bachianas Brasileiras‘ Nr. 4) stilistisch bunt schillernde Werke von weniger bekannten Tonsetzern des 20. Jahrhunderts.

Genau deshalb ist dieses Album neben der umwerfenden Emphase, der idiomatischen Originalität sowie technischen Bravour des Pianisten so interessant. Denn, Hand aufs Herz, wer hat schon Musik des Kubaners Ernesto Lecuona, der US-Amerikanerin Gabriela Lena Frank (‚Sonata Andina‘), von Michel Camilo (mit dem jazzigen ‚Suntan‘), Rafael Bullumba Landestoy (‚El vals de Santo Domingo‘) oder Mozart Camargo Guarneri (‚Danca negra‘) gehört?

Auch Namen wie Ary Barroso, Juan Francisco Garcia aus der Dominikanischen Republik (‚Sambumbia Nr. 1, Rapsodia Dominicana‘), Oscar Lorenzo Fernândez (‚Suave Acalanto‘), Osvaldo Golijov waren bzw sind zumindest mir neu. 

Trifonov will mit dieser Auswahl drei miteinander verwobene Stränge, die der lateinamerikanischen Musik ihre unverwechselbare Identität verleihen offenlegen: „Inspiration aus der Natur, traditionelle Tänze und religiöse Bezüge.“ Außerdem handelt es sich bei fast allen Kostproben um originär für das Klavier entstandene Kompositionen und um nur einzelne Arrangements. Wie wohltuend!

Die Mehrzahl der eingespielten Stücke sind für Klavier solo notiert, außer dem ursprünglich für Klavier und Gesang geschriebenen Samba-Lied ‚Aquarelo do Brasil‘ von Ary Barroso (ist vielleicht aus dem Disney Film ‚Saludos Amigos – Drei Caballeros im Sambafieber‘ bekannt) sowie der 15-sätzigen „Suite für Klavier, Kammerorchester und Perkussion ‚Cuadros del Sur‘, basierend auf „La Pasión según San Marcos and Nazareno“ des argentinischen Tonsetzers Osvaldo Golijov. 

Hier wird Daniil Trifonov vom Sao Paulo Symphony Orchestra unter der musikalischen Leitung des Venezolaners Gonzalo Grau begleitet. Letztere Suite sieht Trifonov als eine „Art Historia americana-Sur im Kleinformat: eine musikalische Reise von der Karibik bis zu den Anden, die dem Aufbau von Mussorgskys ‚Bildern einer Ausstellung‘ folgt“ Jede Episode greift ein anderes Element des lateinamerikanischen Kulturlebens auf, „eine Promenade, die sich vom gregorianischen Choral bis zum kubanischen Guaracha bewegt, vom Flamenco über den Samba bis zur Karnevals-Comparsa.“

Daniil Trifonov spielt zudem einen Tango, den er in seiner Studienzeit in Moskau geschrieben hat. Damit stellte er sich in eine sowjetische Tradition, der auch Shostakovich oder Schnittke gefolgt sind.

Trifonovs Unterfangen, konzeptuell schon überaus spannend als vielschichtiges Ergebnis der Verschmelzung afrikanischer, latein- mittelamerikanischer und europäischer musikalischer Traditionen, erlangt erst durch Trifonovs unendlich packende Musikalität, seine Anschlagsmagie, seine rhythmische Präzision und die poetisch tänzerische Urader seines Könnens den Status einer kostbaren ‚perle rare‘ im meist immer wieder das Gleiche wiederkäuenden Klassikbetrieb.

Fazit: Der glühendste, vielseitigste Pianist der Jetztzeit macht wieder einmal sprachlos mit einem Album, das abseits ausgetretener Pfade eine exotisch leuchtende musikalische Welt erschließt. Eine klangzauberische Liebeserklärung an das Instrument und einen Trifonov anverwandten geografischen Raum.

Dr. Ingobert Waltenberger

 

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