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CD/Vinyl „FRAGMENTS“ – ERIK SATIE – Bearbeitungen von Klavierstücken des französischen Komponisten für elektronische Musik; Deutsche Grammophon

26.07.2022 | cd

CD/Vinyl „FRAGMENTS“ – ERIK SATIE – Bearbeitungen von Klavierstücken des französischen Komponisten für elektronische Musik; Deutsche Grammophon

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Fragments gilt nach dem Willen der Erfinder einer Aufforderung an Künstler elektronischer Musik, Tradition und Moderne zu kombinieren. Alt und neu, auf jeden Fall sollen musikalische Experimentierer der Geschichte und der Gegenwart unter sich bleiben, sich befruchten und was Eigenes daraus entstehen lassen. Eine Serie soll es werden, worin die besten aus der elektronischen Musikszene einen frischen Blick oder Klang auf etablierte Werke berühmter Komponisten werfen sollen.

Wer war Erik Satie?

Fragments I gilt dem so wenig greifbaren, schillernden Erik Satie: Natürlich war der 1866 geborene französische Komponist mit schottischer Mutter kein Vorläufer der Minimal Music, das ist ein ganz anderes Terrain.

Satie war eine Art Self-Made-Man in der Pariser Musik-Bohème zwischen Unterhaltung, Kabarett und exzentrischer Originalität. Durch seine Stiefmutter fand Erik zur Musik. Ein guter Schüler mit Durchhaltevermögen war er nicht. Satie unterbrach seine Studien in Komposition und Kontrapunkt, gehörte dem Geheimbund der Rosenkreuzer an, später den Sozialisten und noch später den Kommunisten. Vincent d’Indy und Albert Roussel waren die bestimmenden Lehrer, Freundschaften pflegte der unstete Geist und Bohemien des Montmartre und unglücklich mit der Malerin Suzanne Valadon Verbandelte viele, u.a. mit Pablo Picasso, Georges Braque, Léonide Massine und Jean Cocteau. Geld war beim in Pariser Cafés und Kabaretts aufspielenden Pianisten immer knapp. 1925 starb Satie an den Folgen ungezügelten Alkoholkonsums.

Satie wollte Musik idealerweise einfach und klar an das Publikum bringen. Wichtiger in der Charakterisierung seines Schaffens dürfte jedoch sein, dass er impressionistisch-klangvolle Stimmungsbilder überwiegend für Klavier schuf, die Satie – knapp und bisweilen orientalisch angehaucht, jedenfalls originell formulierte – jenen Nimbus brachten, der erst sehr viel später auf fruchtbaren Boden fiel und ein avantgardistisches Publikum anzog.

Wiewohl Satie von einer „musique d’ameublement“ schwärmte, war sein ausgeklügeltes und dennoch spielerisches Baukastensystem à la und vor Ikea, also irgendwie passend zu Sofa, Tisch und Kasten, von einer phantasievollen Exzentrik. Satie ersann surreal-kryptische Spielanweisungen wie „eine Nachtigall mit Zahnschmerzen“, „vergraben Sie den Ton in Ihrer Magengrube“ oder „sehr christlich“. Ein selbstironischer Skurillo mit absurd-lautmalerischem Humor war dieser Satie, der die Titel und Beschreibungen seiner Stücke anschaulich abstrus auf die Spitze trieb: unappetitlicher Choral, schlaffes Präludium für einen Hund etc.

Nicht zuletzt ob all dieser ironischen Sonderlichkeiten liebten ihn die jungen Komponisten der „Groupe des Six“ (u.a. Arthur Honegger, Darius Milhaud und Francis Poulenc) und der nach Saties Wohnsitz benannten Gruppe „École d’Arcueil“. Kein Wunder auch, dass die Filmindustrie auf ihn aufmerksam wurde. Seine Musik fand Eingang in über 100 Filme.

Was machen die Elektroniker mit alle den lustigen „Gymnopédies“ und „Gnossiennes“? Reworks oder (Nostalgia) Remixes

Das vorliegende Album, dessen Namen Erik Satie in großen Lettern ziert, ist anders als es die Aufmachung suggerieren könnte. Das was wir zu hören bekommen, sind nicht einfach elektronische Arrangements einiger Hauptwerke Saties mit eindeutigem Wiedererkennungswert. Sondern es ist ein Album elektronischer Musik sui generis geworden, das sich von Themen und musikalischen Ideen Saties inspirieren und anleiten ließ. Einige der Künstlerinnen und Künstler haben sich dabei weit von der Vorlage entfernt und genuin Eigenes geschaffen. Hie und da streifen noch bekannte Themen unser Ohr. Was ja auch per se nichts Schlechtes ist. Und im besten Fall in hochinteressante, unterhaltsam-chillige Klangcollagen mündet.

Das Berliner Duos Two Lanes hat sich „Passer“ (Teil der „Danses de Travers“ aus den „Pièces Froides“) ausgesucht. Ihr „Danses De Travers No. 2“ eröffnete die Reihe am 27. August 2021. Zeitgleich erschien ein computeranimiertes Musikvideo des Motion-Designers Karim Dabbèche mit kaleidoskopischen Visionen. Dominik Eulberg, Monolink, Grandbrothers, Kid Francescoli, French 79, Moritz Fasbender, Sascha Braemer, Christian Löffler, Pantha Du Prince, Henrik Schwarz und Snorri Hallgrímsson folgten als weitere klingende Namen und Interpreten, die die Musik Erik Saties bzw. deren Quintessenz auf ihre Art neu deuteten. Das integrierte Album aller Singles ist diesen Mai erschienen.

Als Vergleich mit den Originalen habe ich mir die Satie-CD der Pianistin Olga Scheps angehört. Tropfenweise ploppen die Töne des Klaviers in kristallener Gelassenheit durch Raum und Zeit. Das Gefühl von luzider Transparenz und großer Leichtigkeit weicht in den elektronischen Bearbeitungen permanenten Tonflüssen von Synthesizer oder anderen elektronischen Generatoren. Die Kontraste und bunt herabgleitenden Tonkonfetti verwischen zu Klangdauerschlangen, die ihrer eigenen Ästhetik folgen. Die Interpreten beschwören Analogien wie euphorische Melancholie, Bäume und Seen, flexible weite Räume, das Gefühl schöner Erinnerungen, nächtliches Autofahren, wo sich die Lichter der Stadt in der Windschutzscheibe reflektieren. Einige, wie etwa die rhythmische Urwüchsigkeit und orchestrale Auffächerung, die Monolink der „Gnossienne Nr. 1“ angedeihen ließ, oder Snorri Hallgrímssons Rework der „Avant-dernières pensées: I. Idylle“ mit dem impressionistisch eingesetzten Klavier faszinieren auf Anhieb. Mein persönlicher Favorit ist Moritz Fasbenders instrumental vielschichtig gedachte Bearbeitung der „Sonneries de la Rose+Croix: I. Air de L’Ordre“. Andere Tracks laden eher zum Meditieren und Entspannen ein.

Fazit: Wer als Purist am Eigentlichen der Musik von Erik Satie hängt, wird nur mit dem Original glücklich werden. Wer raffiniert destillierte elektronische Musik hören will, die mehr oder weniger die verschlungenen Pfade des französischen Komponisten Satie kreuzt, für denjenigen bzw. für diejenige ist dieses Album gemacht.

Dr. Ingobert Waltenberger

 

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