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CD/VINYL „CONCERTI 4 VIOLINS“ – CONCERTO KÖLN mit Musik von VIVALDI, VALENTINI, LOCATELLI, BONPORTI und CASTRUCCI; Live-Mitschnitt aus dem Stadsgehoorzaal Leiden Juni 2019; Berlin Classics

08.08.2020 | cd

CD/VINYL „CONCERTI 4 VIOLINS“ – CONCERTO KÖLN mit Musik von VIVALDI, VALENTINI, LOCATELLI, BONPORTI und CASTRUCCI; Live-Mitschnitt aus dem Stadsgehoorzaal Leiden Juni 2019; Berlin Classics

 

 

Das beste Heilmittel für pandemisch unterforderte oder Beethoven-gestresste Ohren

 

Wir waschen uns die Hände, nein nicht in Unschuld – sondern mit Seife und Tonnen der schärfsten Desinfektionsmittel, aber was tun wir für unsere Seelenhygiene? Zusätzlich zum Corona-Stress erleiden wir als eifrige Tonträgerkonsumenten den totalen Beethoven-Overkill. Kürzlich habe ich mir drei Zyklen der Symphonien insgesamt sechs Mal durchgehört. Seither hängt der Beethoven-Segen zu Hause schief. Also was tun? Ganz auf Musik, verzichten? Nein, diese neue CD anhören!

 

Seit es Concerto Köln  gibt, also seit etwa 30 Jahren, kenne und höre ich auch deren höchst spannende Alben vom Barock bis zur Frühklassik mit Freude. Der hochexpressive, etwas ruppige Klang ist zum Markenzeichen geworden. Was für Entdeckungen von Avison, Heinichen bis zu Steffan haben wir gemacht. Nun legt das Ensemble eine CD mit Konzerten bis zu vier Soloviolinen vor. Barockmusik vom Feinsten und wiederum mit veritablen Aufhorchern. Beim witzigen Allegro des Konzerts in F-Dur Op. 4 Nr. 12 von Pietro Antonio Locatelli geht sogar ein hörbares Raunen durch den Saal. Wer soll es dem Publikum verdenken? Dieses Konzert von Locatelli gehört zum Originellsten und Aufregendsten, was  die Musik des 18. Jahrhunderts zu bieten hat. Dieser Musiker aus Bergamo verstand es, den Solisten einzuheizen und sie zu einer aberwitzigen Humoreske anzuspornen.

 

Im Booklet wird das Harmonische im Zusammenspiel der vier aus verschiedenen Kulturkreisen stammenden Solisten angesprochen. Verzeihung, wenn ich da einhake. Ich finde, die Stärke der CD (etwa im Vergleich mit I Musici oder den Aufnahmen Marriners gerade der Konzerte Vivaldis aus L‘Estro Armonico) liegt gerade darin, dass hier vier Solisten mit eigenständiger Stilistik, individuellem Bogenstrich und starker Eigenduftmarke am Werk sind (Mayumi Hirasaki, Shunske Sato, Evgeny Sviridov, Jesús Merino Ruiz). Das verlieht den Wiedergaben diese besondere Dichte und den Reiz des spontan Konzertierens, der so aufputschend wirkt, zumal die famosen Aufnahmetechniker mit schnittlosen Takes gearbeitet haben. Die Live-Aufnahme bringt es auch mit sich, dass nicht jeder Geigenton auf einer Intonations-Hochpräzisionswaage gemessen werden darf (Track 6). Dafür erleben wir die Atmosphäre dieses Auftritts, die Lebendigkeit und Energie der Musik bis in die Finger- oder Haarspitzen. 

 

Neben Klassikern wie die schon erwähnten virtuosen Vivaldi-Showkonzerte enthält das Album ausgesprochene Raritäten, wie die Violinkonzerte von Francesco Antonio Bonporti oder Pietro Castrucci, der in London Händels Opernorchester leitete. Beide Konzerte sind allerdings nur auf der CD, nicht auf der Vinyl-Edition zu hören. Mein Lieblingsstück ist neben dem bereits erwähnten fantastischen Locatelli-Konzert das sechssätzige Violinkonzert in a-Moll Op. 7 Nr. 11 von Giuseppe Valentini. Auch er war wie alle anderen auf der CD vertretenen Komponisten ein begnadeter Geigenspieler seiner Zeit. Er nimmt sich Zeit, beginnt das Konzert mit einem melancholischen Largo. Das Multitalent Valentini, er malte auch und schrieb Poesie, schlägt einen beinahe romantischen Ton an. Der Rivale Correllis sorgt wie Haydn für manche harmonische Überraschung. Beim pastosen Grave wiederum setzt Valentini mitten im Satz mit einem aberwitzig schnellen Allegro für einen stimmungsvollen Kontrapunkt.

 

Das Concerto Köln spielt diese Musik elektrisch aufgeladen und schlichtweg mitreissend. Dirigenten gibts keinen. Wozu auch? Dem Hörer wird jedenfalls das Ohr wieder auf Bodenhöhe eingerenkt, die Seele jubelt und sogar die Hundstage in Berlin lassen sich mit dieser beschwingten, von ruhigen Herz-Schmerz Einsprengseln durchsetzten Musik leichter ertragen. 

 

Zur Aufnahmetechnik (auch das ist für ein adäquates Hörerlebnis extrem wichtig): Der grandiose Tonmeister Jürgen Reis hat weder bei der Aufnahme noch beim Mischen oder Mastern die Lautstärke komprimiert. Die Aufnahme wurde in echtem Stereo erstellt, was für eine optimale räumliche Wirkung sorgt. Dabei wurden die Hauptmikros nach dem Äquivalenz-Verfahren angeordnet, das spürbar macht, woher der Ton kommt. Nur wenige Spot-Mikros stützen die Artikulation einiger Instrumentengruppen. Das Ergebnis ist ein Klang von hoher Natürlichkeit, sozusagen am Herzschlag der Musik angesetzt. 

 

Dr. Ingobert Waltenberger

 

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