Online Merker Logo

Die internationale Kulturplattform

CD: Victor Aviat Un Portrait Alpha-Classics, ALPHA 1232 – Ein Porträt sprechen lassen

21.01.2026 | cd

Victor Aviat – Ein Porträt sprechen lassen

lavc

Es gibt Alben, die hört man. Und es gibt solche, die begegnen einem. „Un Portrait“, dieses Doppelalbum als Hommage an Victor Aviat, gehört eindeutig zur zweiten Kategorie. Es ist keine bloße Werkschau und kein sentimentales Abschiedsdokument, sondern eine Einladung, einem Künstler noch einmal nah zu kommen. Als Musiker, als Komponist, als Sänger, als Mensch. Wer sich darauf einlässt, merkt schnell: Dieses Porträt will nicht erklären, sondern erzählen.

Victor Aviat war vieles, und er war vieles gleichzeitig. International gefeierter Oboist, Dirigent, Komponist, Maler, Dichter und Sänger. Einer, der sich nicht mit einer Rolle zufriedengab und dessen Neugier offenbar größer war als jede Schublade. 20 Jahre lang prägte er als Solist das Lucerne Festival Orchestra, spielte im Orchestra Mozart unter Claudio Abbado und im Budapest Festival Orchestra unter Iván Fischer. Er studierte Oboe und Klavier in Zürich, ergänzte das mit Komposition und Dirigieren und bewegte sich mit erstaunlicher Selbstverständlichkeit zwischen interpretierender Demut und schöpferischem Gestaltungswillen. Dass sein erstes Orchesterwerk 2019 vom Orchestre National de France unter der Leitung seines Stiefvaters Emmanuel Krivine uraufgeführt wurde, liest sich beiläufig – war aber ein weiterer Baustein in einem Leben, das immer in Bewegung blieb.

Der plötzliche Tod Aviats am 1. Mai 2025 in Berlin verleiht diesem Album zwangsläufig eine besondere Schwere. Doch „Un Portrait“ verweigert sich der reinen Trauerarbeit. Stattdessen wirkt es wie ein bewusst gestalteter Blick zurück und zugleich nach innen. Genau so funktioniert auch diese Doppel-CD. Andeutungen statt Bekenntnisse, Zwischentöne statt lauter Gesten.

Die erste CD ist ganz Robert Schumann gewidmet. Schon die Auswahl wirkt wie eine persönliche Aussage. Die „Drei Romanzen“ op. 94 entfalten sich in einer intensiven Kantabilität, die nie ins Süßliche kippt. Die Oboe singt, aber sie drängt sich nicht auf. Besonders die zweite Romanze überzeugt durch eine schlichte Natürlichkeit, ganz im Sinne Schumanns, während die Dritte fragend bleibt, atmend, beinahe tastend. Man hört hier keinen Virtuosen, der etwas beweisen will, sondern einen Musiker, der zuhört – sich selbst und der Musik.

In den „Fantasiestücken“ op. 73 wird dieser Ansatz weitergeführt. Das erste Stück könnte tatsächlich auch ein Schumann-Lied sein, so vokal phrasiert Aviat seine Oboenlinie. Im zweiten Stück rückt das Klavier deutlich als Dialogpartner in den Vordergrund. Kim Barbier agiert nicht begleitend, sondern gleichberechtigt, während die Oboe eher scheu antwortet. Das dritte Fantasiestück lodert dann auf, passioniert, mit echtem Lebensfeuer, ohne je grob zu werden.

Die „Fünf Stücke im Volkston“ op. 102 zeigen eine andere Seite: keck, kontrastreich, mit viel Spielfreude. Besonders das zweite Stück besticht durch seelenvollen Gesang mit langen Atembögen, während das Dritte durch intensive Tongebung über tupfenden Klavierakkorden kammermusikalisch intim wirkt. Das fünfte Stück, in einem Arrangement von Aviat selbst, gewinnt zusätzliche Schärfe und Intensität, ohne den volkstümlichen Kern zu verlieren.

Im „Adagio & Allegro“ op. 70 gelingt Aviat erneut das Kunststück, große Bögen zu spannen, ohne Pathos aufzutürmen. Das Adagio verzaubert mit langen Phrasierungen, das Allegro ist ein schönes Beispiel für Schumanns Sturm-und-Drang-Seite. Den Abschluss bildet das „Abendlied“ op. 85 Nr. 2, eine herrliche Kontemplation, getragen von beiden Instrumenten, ruhig, gesammelt, beinahe zeitlos.

Die zweite CD öffnet dann ein ganz anderes Fenster. Hier ist Victor Aviat als Liedermacher, Chansonnier, Erzähler zu erleben. 17 eigene Lieder, persönlich, stilistisch breit gefächert, oft überraschend. „Un p’tit quelque chose“ weckt sofort ein Liedermacher-Gefühl: eine hauchige Stimme mit viel Charakter, begleitet von Klavier und Cello. Nichts ist geschniegelt, alles wirkt bewusst nahbar. In „On s’est manqués“ und „Novembre“ schwingt leise Melancholie mit, während „Mon cher ami“ und „Candide“ einen plaudernden Ton anschlagen. Letzteres wird plötzlich poppig, mit Schlagzeug und Backgroundchor – ein Stilbruch, der erstaunlich organisch wirkt.

„Tu t’souviens“ verbreitet Urlaubsgefühle, leicht, warm, während „Le goût du gin“ mit kühler Eleganz den Geschmack des Gins preist. „Isfahan 1980“ unternimmt erneut einen Ausflug in die Popwelt, fein arrangiert, mit Choreinwürfen, die nie dekorativ wirken. Andere Lieder wie „Ophélie“, „Cheval blanc“ oder „La balançoire“ bleiben zurückhaltender, kammermusikalisch, während „Un petit rhume“ und „Cerfs-volants“ eine verspielte Leichtigkeit zeigen. Den Abschluss bildet „L’Enfant poète“, ein Titel, der wie ein Schlüssel zu diesem ganzen Zyklus wirkt.

Diese Chansons erzählen viel, ohne sich zu erklären. Sie arbeiten mit Andeutungen, Bildern, kleinen emotionalen Verschiebungen. Genau darin liegt ihre Stärke. Man spürt, dass Aviat auch Dichter war, jemand, der Sprache ernst nahm und zugleich ihre Unschärfen liebte. Dass er seine Texte selbst vertonte und vortrug, verstärkt den Eindruck von Unmittelbarkeit. Hier singt keiner über Gefühle, hier spricht jemand aus ihnen heraus.

Die beteiligten Musiker tragen diesen Ansatz mit großer Sensibilität. Kim Barbier am Klavier ist auf beiden CDs eine verlässliche, kluge Partnerin. Bruno Delepelaire am Cello, Zoltán Szöke am Horn und Naomi Shaham am Kontrabass fügen sich auf der zweiten CD unaufdringlich ein und schaffen Klangräume, die weit und warm sind, dabei stets detailreich. Die Aufnahmequalität unterstreicht das: nichts klingt über-produziert, alles hat Luft.

Das Booklet rundet dieses Porträt auf stimmige Weise ab. Reproduktionen von Aviats Gemälden und sein Text „an junge Musiker“ erweitern den Blick und machen deutlich, wie sehr hier ein ganzes Leben mitschwingt. „Un Portrait“ hält die Erinnerung an Victor Aviat lebendig, nicht durch Pathos, sondern durch Nähe. Als Künstler und als Mensch. Und genau deshalb bleibt dieses Album lange im Ohr – und noch länger im Kopf.

Dirk Schauß, im Januar 2026

 

Victor Aviat

Un Portrait

Alpha-Classics, ALPHA 1232

 

Diese Seite drucken