CD „UYARAS“ THE ENCHANTED VOICE – BRUNO DE SÁ singt Lyrisches bis Virtuoses von Villa-Lobos, Saint-Saëns, Canteloube, R. Strauss, Nepomuceno, Gershwin, Ravel, Granados, Rachmaninov und Proch; Erato

Der brasilianische Sopranist Bruno de Sá eröffnet ein neues Kapitel der Geschichte des Gesangs
36 Jahre jung ist er und aus zahlreichen qualitätsvollen Opernaufführungen barocken Ursprungs nicht wegzudenken. So etwa zuletzt in der diesjährigen szenischen Produktion von Bayreuth Baroque, wo er in der Regie von Max Emanuel Cencic in Georg Friedrich Händels „Floridante“ im Markgräflichen Opernhaus die Partei des Timante bravourös und mit Witz verkörperte. So weit, so „normal“. Das zunehmende Interesse und die fast schon explodierende Anzahl an Premieren von Barockopern landauf landab hat auch die Stimmfächer Countertenor und seit kurzem der davon grundlegend zu unterscheidenden Sopranisten in ein hell gleißendes Rampenlicht befördert.
Damit einhergehend hat sich das Interesse dieser Stimmfächer auf zeitgenössische Kompositionen, aber auch auf Musik der Romantik ausgeweitet. Wobei letzteres nicht unheikel ist, fehlt es doch etlichen Interpreten schlicht und einfach an der erforderlichen dynamischen Bandbreite, breiten Farbabmischungen und einer belastbaren Mittellage. Nicht so Bruno de Sá.
Der zeigt vor allem bei Heinrich Prochs berühmter Koloraturarie & Variationen „Deh, torna mio bene“ op. 164, aus welchen fantastischen Tropenhölzern seine Stimme geschnitzt ist. Berühmte Primadonnen haben diese Arie gesungen oder auf Platten verewigt, so Maria Galvany, Maria Callas, Erna Berger, Ingeborg Hallstein, Edita Gruberova, Sumi Jo oder Natalie Dessay, um nur einige zu nennen. Und Bruno de Sá ist sicher nicht die geringste Nachtigall in diesem erlauchten Kreis an exzeptionellen Wundergurgeln.
Der Wiener Komponist Heinrich Proch ist Schöpfer der Oper „Ring und Maske“, der Operetten „Die Blutrache“, „Zweiter und dritter Stock“ und „Der gefährliche Sprung“ von Bühnenmusiken, Orchesterwerken, Kammermusik und 200 Liedern. Er hat die Arie „Deh, torna mio bene“ 1850 geschrieben. Das Stück nutzt – wie es später Leonard Bernstein in „Glitter and be gay“ähnlich tat – einen schmachtend pathetischen Text „Ach, komm zurück, mein Liebster, meine zärtliche Liebe, verschone das arme Herz vor seinem Leid. Für dich findet diese Brust keinen Frieden mehr, nur mit dir, mein Liebster, wird sie selig sein.“, um sich in belkantistischen Koloraturen, Trillern, Intervallsprüngen und anderen waghalsigen Verzierungen auszutoben. Aufgelegtes Primadonnenfutter für stratosphärische Stimmen eben.
Bruno de Sá bringt das Kunststück zustande, diese Arie mit frei schwebenden Höhen, perfekten Koloraturen, Staccati, erstaunlich satter Mittellage und Tiefe musikalisch in jeglicher Hinsicht so souverän zu servieren, dass einem der Atem stockt. Wenn ich seinen Aussagen im Booklet richtig folge, soll dieser letzte Track seines neuen „Uyaras“ Albums nur ein Vorgeschmack auf Kommendes sein. „Es ist ein sogenanntes ‚Easter egg‘, eine Anspielung auf andere Projekte, wie wir planen.“
„Uyaras“ heißt das Album nach dem Namen eines mythisch verführerischen, tödlich gefährlichen Wasserwesens aus dem Amazonas. Eine Art von brasilianischer Wassernixe oder Sirene, die mit ihrer Schönheit bzw. ihrem Gesang lockt, um ihre Opfer anschließend in die Tiefe zu ziehen und zu ertränken. Das aber nur, um den Strom und den Urwald zu schützen.
Das Album spiegelt nicht nur sagenhaft Verwunschenes, sondern lässt sich nicht zuletzt von der Freiheit des Vogelgesangs (Camille Saint-Saëns „Le Rossignol et la Rose“, Enrique Granados „La maja el ruiseñor“) oder Vokalisen (Saint-Saëns: „Le Cygne“, transkribiert für Sopranist und Orchester von Juliana Ripke, Maurice Ravel: Vocalise-étude en forme de habanera“, Sergei Rachmaninov: Vocalise op. 34/14) inspirieren.
Der Sehnsucht, in seiner Landessprache zu singen, frönt Bruno de Sá mit den Bachianas brasileiras Nr. 5 von Heitor Villa-Lobos sowie „As Uyaras“ op. 15 von Alberto Nepomuceno, in einer Fassung für Orchester von Abdon Lyra. Der Comunicantos Chor dazu wurde in des Sängers Stadt der Kindheit, São Paulo, aufgenommen.
Drei Lieder von Joseph Canteloube aus den „Chants d’Auverge“ (‚Lou Coucut‘, ‚Malurous q’o uno fenno‘ und ‚Lo Fiolairé‘), „Die Lorelei“ von George Gershwin sowie „Kling!“ von Richard Strauss (Orchesterfassung Juliana Ripke) runden dieses wahrlich zauberhafte Programm ab. Bruno de Sá stellt auch in diesen Gesängen seine überragende Musikalität sowie ein Legato zum Niederknien unter Beweis. Zudem bestätigen die Phrasierungskunst sowie eine lupenreine Intonation den absoluten Ausnahmerang des Vokalkünstlers in seinem Fach.
Das stilistisch (vielleicht allzu) bunte Album lebt nicht nur von der stupenden stimmlichen Beherrschung des Bruno de Sá, sondern verwöhnt mit dem Opéra Orchestre Normandie Rouen unter der Leitung eines der besten französischen Dirigenten der jüngeren Generation Pierre Dumoussaud das Ohr. So aufregend exotisch floureszierend und plastisch anschaulich hat man diese Musiken noch nie gehört.
Link Rachmaninov Vocalise: https://www.youtube.com/watch?v=y3HkU4x1ZAA&list=RDy3HkU4x1ZAA&start_radio=1
Dr. Ingobert Waltenberger

