Online Merker Logo

Die internationale Kulturplattform

CD „UNRELEASED“ – CECILIA BARTOLI singt Konzertarien von Beethoven, Mozart, Haydn und Mysliveček; DECCA

21.11.2021 | cd

CD „UNRELEASED“ – CECILIA BARTOLI singt Konzertarien von Beethoven, Mozart, Haydn und Mysliveček; DECCA

0028948520930

 

Eines der besten Bartoli-Alben nach acht Jahren trauriger Archivexistenz endlich  veröffentlicht

 

Die Opernwelt darf staunen und sich für ein Art himmlisches Wunder bedanken: Cecilia Bartoli hat in den vielen Stunden zu Hause während des großen Lockdowns nicht nur „durchgeatmet, innegehalten und nachgedacht“, sondern sich auch um „Unerledigtes, Aufgeschobenes und Vergessenes“ gekümmert. Also hat „La Bartoli“ ihr Tonarchiv durchforstet und nach verborgenen Schätzen gesucht und wurde – oh, wie schön – fündig. Da kamen also „die lange vermissten Freunde“ zum Vorschein“ (O-Ton Bartoli). 

 

Passend zu dieser sehr speziellen Geschichte hat das Marketing die Bartoli, die Augen genüsslich geschlossen ganz ins Lauschen der eigenen Stimme versenkt, im weißen Trägerleiberl und mit Kopfhörern auf das Cover gesetzt. Im Booklet gibt es dazu noch Fotos, wo die Wahlschweizerin wild Notenblätter durch die Luft wirbelt. Um dem trauten Heim so richtig Stimmung zu verpassen, musste sogar ihr Hündchen musste aufs Bild. 

 

Na, soll sein: Wir müssen uns nicht für alles interessieren, was das Marketing so alles anstellt. Jetzt „wissen“ wir also, dass manche Opernstars auf Bergen unveröffentlichter Aufnahmen sitzen, die sie vergessen haben. Tröstlich ist nur, dass, wenn sie endlich Zeit zum Suchen finden, die schmerzlich „vermissten“ wieder auftauchen. Den wahren Grund, warum diese Aufnahmen acht Jahre lang in irgend einem Archiv geschlafen haben, werden wir wohl nie erfahren, aber alle Melomanen können sich glücklich schätzen: Das, was die Belcanto-Diva aus den sieben großen Szenen aus der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts (Entstehungszeit 1773-1796) macht, ist schlichtweg sensationell und gehört mit zum Allerbesten, was auf Tonträgern der Sängerin vorliegt   

 

Gemeinsam mit dem temperamentvoll und detailschön aufspielenden Kammerorchester Basel unter der elastischen bis straffen Leitung von Muhai Tang eröffnet die Bartoli den Reigen mit Beethovens „Ah! perfido….Per pietà, non dirmi addio!“ Die für die Gurgel der Sängerin Josepha Duschek maßgeschneiderte Szene liegt auch der Bartoli ganz vortrefflich. Die Bartoli fetzt durch das leidenschaftliche Rezitativ wie eine besessen Furie. Wie Norma ihren Frust Pollione entgegenschleudert, flucht Bartoli über den Treulosen, der sie verlässt, malt sich die wildesten Rachephantasien aus, an denen sich auch Götter und zwar mindestens mit Blitzen, beteiligen sollen. In der Arie freilich herrschen herzzerreissendes Selbstmitleid und blinder Schmerz vor. Mit der von der Bartoli gewohnten 100%igen Intensität und Spannung ist es weniger die Trauer, denn das unbändige römische Temperament der Künstlerin, das die Szene beherrscht. Faszinierend.

 

Wolfgang Amadeus Mozarts Arie „Ch‘io mi scordi di te? Non temer, amato bene“ K 490, 1786 komponiert für eine private Aufführung des „Idomeneo“ im Palais Auersperg, ist eigentlich für einen Tenor anstelle des Soprankastraten der Uraufführung in München vorgesehen. Dennoch wird sie heute eher von Sopranen gesungen. Den Solo-Violinpart, den zu Mozarts Zeit begabte Aristokratenamateure wie Graf August von Hatzfeld spielten, wird in der Aufnahme von keinem Geringeren als dem russischen Geiger Maxim Vengerov gespielt. Die Bartoli beherrscht sowohl die langen Legatobögen im Rondo als auch die virtuosen Noten in den unglaublichsten Tempi. Überhaupt ist es ein Wunder, wie frisch und unverbraucht die Stimme der Bartoli auf diesem Album klingt. Die nunmehr Mittfünzigerin hat gut auf ihr Material aufgepasst. 

 

Nach der lyrisch innigen Arie ,Se mai senti spirarti sul volto‘ des Sesto aus Josef Mysliveček Oper „La clemenza di Tito“ sind es wieder drei Mozart Stücke, die mitreissen und die einzigartige, exzentrische Gesangskunst der Bartoli ins beste Licht stellen: Die Konzertarie „Ah, lo previdi!…Ah, t‘invola…Deh, non varcar K 272 des 21-jährigen, opernästhetisch alle Strömungen der Zeit amalgamierenden Mozart, die von feuerwerksartigen Koloraturen bis zum dreigestrichenen D gespickte Arie „Bella mia fiamma, addio…Resta, o cara K 528 und das sanft anrührende ,L‘amerò, sarò costante‘ aus „Il re pastore“, wieder mit der luxuriösen mit der Gesangslinie völlig eines werdenden Violinbegleitung von Maxim Vengerov. 

 

Als Drüberstreuer gibt es noch die für die Diva Brigda Banti komponierte Scena di Berenice von Joseph Haydn auf ein Libretto von Pietro Metastasio mit zwei Rezitativen, Kavatine und Arie.

 

Falls das Stimmphänomen Bartoli diese fabulösen Aufnahmen während der langen Monate zu Hause wirklich aufgestöbert hat, wollen wir inständigst hoffen, dass noch weitere erbauliche Exhumierungen solcherart folgen mögen.  

 

Dr. Ingobert Waltenberger

 

 

Diese Seite drucken