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CD „UN’ALMA INNAMORATA“ – Francesca ASPROMONTE und Boris BEGELMAN präsentieren weltliche Kantaten mit violino concertante von G.F. HÄNDEL; Pentatone

09.12.2023 | cd

CD „UN’ALMA INNAMORATA“ – Francesca ASPROMONTE und Boris BEGELMAN präsentieren weltliche Kantaten mit violino concertante von G.F. HÄNDEL; Pentatone

Händels Liebesfreud und Liebesleid

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Als der 22-jährige „caro Sassone“ 1707 in Rom eintraf, herrschte sofort ein mordsmäßiges Geriss um den jungen virtuosen Cembalo- und Orgelspieler, der noch dazu ganz wunderbar melodienselige wie harmonisch herzerwärmende Musik, vor allem sich direkt tief in die Gemüter grabende Arien, schreiben konnte.

In Rom lebten damals der Marchese Francesco Ruspoli und ein Kardinal mit dichterischen Ambitionen namens Benedetto Pamphili, steinreiche kunstbeflissene Adelige aus alten Familien, wobei Letzterer nicht nur die Kompositionskunst dieses deutschen „Orpheus“ schätzte, sondern auch vom blendenden Aussehen des protestantischen Komponisten entzückt war. In den Salons der römischen Aristokratie lernte Händel Arcangelo Corelli, die beiden Scarlattis und auch deren Musik näher kennen. In den vier Jahren, die Händel in Italien verbrachte (1706 bis 1710), bereiste er neben Rom die Musikmetropolen Florenz, Venedig und Neapel, bevor er sich 1710 als Kapellmeister in die Dienste des Kurfürsten von Hannover und im Herbst 1712 nach London begab, wo er an die 50 Jahre verbringen sollte.

Zurück nach Rom, wo der von der Unterstützung großzügiger Mäzene abhängige Händel neben zahlreichen anderen Werken die beiden Kantaten „Un’alma innamorata“ HWV 173 und „Tu fedel? Tu costante“ HWV 171 für Sopran solo und Orchester schrieb. Auf ihrem neuen Album, ausschließlich weltlichen Kantaten Georg Friedrich Händels gewidmet, präsentiert die italienische Sängerin Francesca Aspromonte neben den beiden erwähnten Kantaten noch „Mi palpita il cor“ HWV 132b, die dritte Fassung der in sechs Versionen vorliegenden Kantate sowie als auch die Weltersteinspielung der Arie „S’un di m’appaga“ (entstanden zwischen 1738 und 1741). Gemeinsam mit dem formidablen Sologeiger und musikalischen Leiter des Ensembles Arsenale Sonoro, Boris Begelman, ist eine vollblütige und unterhaltsame Einspielung entstanden, die barocke Hörfreuden pur beschert. Aspromonte, sattelfest in Belangen Alter Musk, verfügt über einen vital vibrierenden, pfirsichsaftigen Sopran mit üppiger Mittellage und kokett platzieren Höhen. Allerdings sucht die Sängerin nicht gerade häufig das Stelldichein mit Piani und differenzierteren Ausdrucksmitteln, wie es dem Gegenstand des Albums wohl angemessen wäre.  

Bei den italienischen Kantaten, die alternierend aus Rezitativen und Arien bestehen, handelt es sich nämlich um kleine dramatische Szenen, die vorwiegend den Leidenschaften und Leiden der Liebe auf den Zahn fühlen, mal aus Frauen-, mal aus Männersicht. Bewundernswert vermochte es Händel, die kunstvollen Verfeinerungen im Lebensstil der höfischen Zirkel mit seiner Musik als erlesenste musikalische Blüten zu schmücken und gesellschaftlich wohl ungehörigen Gefühlen Ausdruck zu verleihen, die ansonsten eigentlich der in Rom dem päpstlichen Bann unterliegenden Oper vorbehalten waren.

In der Kantate „Un alma’innamorata“, für eine Aufführung in Vignanello, dem Landsitz des Marchese Ruspoli geschrieben, lässt Händel reichlich Spott über die „Treue“ verliebter Herzen fließen. Da werden der Schmerz und das Unglück auf eine einzige Person fixierter Liebessklaven den Freuden, dem Lachen und der Hoffnung der vagabundierenden Liebe, die mehr als ein „sweetheart“ verträgt, gegenübergestellt. Händel hat die lautmalerisch-kontrastreiche Musik im Hin- und her zwischen Solovioline und Stimme pikanterweise der Sopranistin Vittoria Tarquini, die gerüchteweise damals Händels Geliebte gewesen sein soll, in die geläufige Gurgel komponiert.

Anders „Mi palpita il cor“. Da erduldet der einseitig Liebende alle Höllenqualen unerhörter Liebe. Die dürstende Seele, geplagt von Eifersucht und Furcht, will die Befreiung aus den Fesseln oder sterben. Der Sohn der Venus und Gott der Liebe Cupido wird befragt, ob er seinen Pfeil nur in des Unglücklichen Herz geschossen hat oder auch in dasjenige der angebeteten Chloris. Die letzte Arie endet versöhnlich in der Hoffnung, dass die Grausame den gegenwärtigen Lover verlassen und den Sänger eines Tages wieder erhören wird.

Von „Tu fedel? Tu costante“ gibt es zwei Fassungen, eine davon wurde erst 2015 entdeckt. Die erste, bestehend aus einer einleitenden Sonata und jeweils vier Rezitativen und Arien, ist im Mai 1707 für die Sängerin Margherita Durastini entstanden und bietet ein zeittypisches Beispiel liberalen, wenn nicht gar libertären Lobpreises der Liebe mit wechselnden Partnern. Da geht es um den besonders umtriebigen Fileno, der hundert Schönheiten, mögen sie Filli, Licori oder Lidia heißen, begehrt und sich gleichzeitig eines konstanten und treuen Herzens rühmt. Die Protagonistin der Kantate warnt den Hallodri, er werde ohne sie auskommen müssen und sie werde einen anderen Lover finden, wenn er nicht aufhört, sie zu betrügen.

Alternierend mit den drei Kantaten hören wir rein instrumentale Einsprengsel, die Violinsonate in g-Moll, HWV 364a und die Triosonate in g-Moll, Op. 2 Nr. 6 HWV 391, auch sie temperamentvoll musiziert.

In der Diskografie im Vergleich zu Händels Opern noch immer unterrepräsentiert, gab es dennoch auch in der Vergangenheit einige sehr hörenswerte Einspielungen diverser italienischer Kantaten Händels, von denen ich besonders diejenigen mit Magdalena Kožená und Les Musiciens du Louvre unter Marc Minkowski (1999) sowie die Aufnahme italienischer Solokantaten (u.a. „Mi palpita il cor“ HWV 132c) mit dem Altus Jochen Kowalski (1988) hervorheben möchte.  

Fazit: Ein Händel-Raritätenprogramm vom Feinsten, deliziös wohlschmeckend interpretiert.

Dr. Ingobert Waltenberger

 

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