CD: UMBERTO GIORDANO: MARINA – Weltersteinspielung des Melodrammas in einem Akt mit Eleonora Buratto und Freddie de Tommaso; DECCA
Hochdramatisch-veristischer Reißer in Traumbesetzung!

Der 21 Jahre junge Umberto Giordano befand sich noch in Ausbildung am neapolitanischen Konservatorium, als er sich 1888 mit seiner „Marina“ bei dem von Edoardo Sonzogno ausgeschriebenen Wettbewerb zwar nicht für einen Spitzenplatz, aber dennoch sofort als großes Operntalent empfahl. Das berühmte Mailänder Verlagshaus verhalf „Marina“ zwar nicht zu einer Bühnenaufführung, brachte dem hoch talentierten Melodienerfinder und angehenden Medium für emotionales Musiktheater („Andrea Chenier“, „Fedora“) aber einen Kompositionsauftrag ein. „Mala vita“ hieß das Werk, das 1892 in Rom uraufgeführt, überarbeitet unter dem neuen Titel „Il voto“ 1897 auch Mailand eroberte. Ein Grund dafür, dass sich Giordano später nicht mehr um eine Aufführung seines Debütstücks bemühte, könnte darin gelegen haben, dass er Musik aus „Marina“ für die dreiaktige Oper „Il voto“ verwendete.
Man mag es kaum glauben, aber dieser so effektvolle und gekonnte Einakter „Marina“ – der sich inmitten der schlagendsten italienischen Opernerfolge der Zeit äußerst wacker hält- erlebte seine Premiere erst am 12.2.2026 am Teatro Dal Verme in Mailand, woher auch diese Aufnahme stammt. Dabei galt die Partitur lange Zeit als verschollen. Entdeckt wurde sie vom Musikwissenschaftler Andreas Gies in der Beinecke Rare Book and Manuscript Library der Yale University nach dem Ankauf der Koch Collection 1986. Andreas Gies und der Librettoexperte Emanuele d’Angelo erstellten die kritische Ausgabe, auf der die vorliegende Einspielung beruht.
Der Jungspund Giordano bediente sich eines ähnlichen formalen Strickmusters, wie wir es von Mascagnis „Cavalleria rusticana“ kennen und schätzen, die bei diesem kompositorischen Kräftemessen den ersten Preis errang: Einen unauflöslichen Familien- und Liebeskonflikt, eine (bläserfanfaren und trommelwirbelnde) Introduzione mit Chor hinter der Bühne, die Oper zweiteilig gegliedert mit einem herzzerreißenden, dramaturgisch geschickt platzierten orchestralen Zwischenspiel, dazu romantische, psychologisch geschickt platzierte Arien, eine volkstümliche montenegrinische Canzone (in der Art von Alfios ‚Il cavallo scalpita‘), aufschäumende und leidenschaftliche Duette, und ein brutales Ende, in dem die tödliche Tragöde kulminiert.
„Marina“ auf ein Textbuch von Enrico Golisciani (der u.a. die Libretti zu Wolf-Ferraris „Il secreto di Susanna und „I goielli della Madonna“ verfasste) handelt in etwas über 50 Minuten Spielzeit von einer blutrünstigen Geschichte während montenegrinisch-serbischer Auseinandersetzungen. Die aus einfachen Verhältnissen, einer strengen ländlichen Familie entstammende und mutterlos aufgewachsene Montenegrinerin Marina findet Giorgio Lascari, einen serbischen Offizier, verwundet. Anfangs kümmert sie sich aus Mitleid um den feschen Mann. Als die Sieger – d.h. Marinas Bruder Daniele und Kumpanen heimkehren, versteckt sie Giorgio. Lambro, ein Bilderbuch-Macho und besitzergreifender Geselle, macht Marina einen Heiratsantrag. Als Giorgio hört, dass sein Vater von Lambro als Rache für den Tod von Marinas Vater umgebracht worden ist, verlässt er sein Versteck und wird gefangen genommen. Im zweiten Teil sucht Marina Giorgio in einer als Gefängnis dienenden Höhle auf, um ihn vor dem Todesurteil zu retten. Glühende Leidenschaften und Liebe branden auf, die die beiden sich nun offen gestehen. Marina versteckt Giorgio unter ihrem Mantel und will fliehen. Lambro erschießt zuerst Giorgio, dann ersticht er – blind vor Eifersucht und im Gefühl, betrogen worden zu sein – Marina.
Die Musik von „Marina“ ist nichts weniger als aufregend und zeugt von der Reife und dem melodischen Einfallsreichtum des späteren Giordano, aber auch von dessen Instrumentierungsraffinesse und untrüglichem Feeling für musikdramatische Strukturen. Wie packend Giordano emotional gegensätzliche Szenen gestalten konnte, ist umwerfend. In ihrer ersten Arie ‚Oh! Qual selvaggia ebbrezza‘, erzählt Marina von ihrer seelischen Not, ihrer Einsamkeit und ihrem Unglück inmitten all der kriegerischen männlichen Umtriebe. Nach dem lyrischen Duett von Marina und Giorgio und dem lauten Bohei der Rückkehr der Männer bringt das Ende des ersten Teils die große Szene der vier Protagonisten Marina, Daniele, Giorgio, Lambro und Chor sowie das elektrisch aufgeladene Duett Marina-Danielle ‚Ed or ti scolpa‘, in der Daniele seiner Schwester befiehlt, bei Giorgios Exekution anwesend sein zu müssen.
Deftig gewürzt wie Spaghetti aglio, olio e peperoncino, vermag es Dirigent Vincenzo Milletarì mit der mediterran farbenprächtig aufspielenden Orchestra i Pomeriggi musicali di Milano und dem Coro della Fondazione Teatro Petruzzelli die vokalen Stimmungen zu intensivieren, Steigerungen aufzubauen und die dramatischen Knoten zu schürzen.
Dabei steht ihm eine stimmkräftige und in den großzügig eingestreuten Spitzentönen fabulöse Besetzung zur Verfügung, die Melomanen jubilieren lässt. Allen voran Eleonora Buratto in der Titelpartie, die ihren in allen Lagen gleichermaßen gut ansprechenden dramatischen Sopran feminin leuchten und ebenso hochdramatisch explodieren lassen kann. Wie einst bei Renata Scotto sind Textverständlichkeit und Wortausdeutung selbstverständliche Tugenden der Buratto. Diese Vokalkünstlerin ist in der Lage, mit rein stimmlichen Mitteln Porträts der von ihr dargestellten Frauenschicksale lebensnahe Gestalt annehmen zu lassen.
Ihr zur Seite brilliert Tenorspinto Freddie de Tommaso mit gewohnt metallisch platzierten Spitzentönen und einer dunkel grundierten Mittellage. Im veristischen Fach scheint er mir besser aufgehoben als als Verdisänger. Die beiden tiefen Männerpartien sind mit dem jedem Bösewicht der Oper Ehre machenden Rumänen Mihai Damian (Lambro) und dem heller timbrierten britischen Bariton Nicholas Mogg (Daniele), Ensemblemitglied der Hamburgischen Staatsoper, exzellent besetzt.
Kostprobe: Duett ‚Conobbi appena mia madre‘ mit Eleonora Buratto und Freddie de Tommaso
https://www.youtube.com/watch?v=jlQtYPBu00E&list=RDjlQtYPBu00E&start_radio=1
Fazit: Giordanos mitreißender Opernerstling „Marina“, 138 Jahre nach seiner Entstehung erstmals aufgeführt, ist ab 31.7. auf Tonträgern künstlerisch erstklassig und in audiophiler top Qualität erhältlich. Zugreifen!
Dr. Ingobert Waltenberger

