Tristan Generation – Juliette Journaux bändigt den klanglichen Rausch der Wiener Moderne

Das Klavier ist kein Seziermesser, sondern gelegentlich ein Erfüllungsgehilfe für Übermütige. Wer das Orchesteraufgebot der Gurrelieder, spätromantische Opernekstasen und wuchtige Chorpartituren auf achtundachtzig Tasten herunterbricht, wagt die Flucht nach vorn. Die französische Pianistin Juliette Journaux nimmt auf ihrer neuen CD beim Label Alpha Classics genau diesen Anlauf. Sie nähert sich jener dekadenten Schwülstigkeit, die um die Jahrhundertwende von Wien aus das europäische Musikleben durcheinanderwirbelte, und packt das fiebrige Gemisch aus Eros, Todessehnsucht und harmonischer Grenzüberschreitung in eigene Transkriptionen für Soloklavier. Das ist kühn, spürbar größenwahnsinnig und in den besten Momenten überaus erhellend.
Der Einstieg gerät zur Mutprobe. Wer die Trank-Szene aus Richard Wagners Tristan und Isolde auf den Flügel überträgt, verzichtet freiwillig auf schimmernde Streicherwogen und den süßlichen Schmelz des Bläsersatzes. Bei Journaux erklingt der berühmte Initialakkord nicht als dröhnender Schauer durch den Raum, sondern als nackte, harmonische Behauptung. Die Tontechnik fängt dieses Geschehen in vorbildlicher Räumlichkeit ein. Die Französin verweigert sich jedem Versuch, das Klavier wie ein Ersatzorchester zu traktieren. Sie sucht die Eleganz im Dichten. Das gelingt vorzüglich, weil ihre linke Hand die harmonischen Abgründe mit nüchterner Klarheit stützt, während die Rechte die Kantilenen mit souveräner Leichtigkeit nach oben zieht.
Die historische Fluchtlinie dieses Recitals zeigt Verstand. Wenn Alban Berg das Vorspiel zu Arnold Schönbergs Gurreliedern für Tasteninstrumente adaptiert, reduziert sich der pompöse Spätromantik-Zirkus auf seine architektonische Essenz. Journaux lässt die Figurationen im einleitenden Abschnitt glasklar und fein perlen. Es erinnert an Jugendstil in Tönen, durchweht von einer Lichtdurchlässigkeit, die an Claude Debussy denken lässt. Hier zeigt sich die Herkunft der Pianistin. Sie nähert sich diesem schweren mitteleuropäischen Pathos mit einer typisch französischen Skepsis gegenüber dem allzu dichten Satzbau. Wo andere das Pedal dauerhaft durchdrücken würden, um den Saal in klanglicher Grundsoße zu ertränken, lichtet sie das Gestrüpp gründlich auf.
Alexander von Zemlinskys Fantasien über Gedichte von Richard Dehmel gewinnen durch diese hellwache Akribie eine enorme Plastizität. Im ersten Stück beschwört die Pianistin eine Abendstimmung im flirrenden Wind herauf, getragen von einer bemerkenswerten Poesie. Später wird die Liebe hintergründig und samtig ausgeleuchtet. Das vielzitierte Käferlied hüpft keineswegs nur belanglos durch die Oktaven, sondern entpuppt sich als farbiges, schwebendes Gebilde von erstaunlicher Raffinesse. Deutlich zugespitzter gelingt Journaux anschließend die Annäherung an Walter Braunfels. Das Vorspiel zu dessen Oper Die Vögel entwickelt unter ihren Händen eine malerische, pittoreske Stimmung. Hier flirrt das Instrument im besten Sinne des Wortes, ohne ins reine Kunstgewerbe abzugleiten.
Ein Höhepunkt der CD ist die Transkription von Zemlinskys 23. Psalm. Ein Werk, das im Original von chorischer Wucht und religiöser Aufladung lebt, wird hier zu einer verinnerlichten, intensiv leuchtenden Reflexion. Journaux baut die dynamischen Höhepunkte nicht durch schiere Lautstärke auf, sondern durch ein dichtes Spiel der Klänge. Der Wechsel zwischen pastoraler Ruhe und drohender Ungewissheit vollzieht sich ohne theatralische Gestik. Man spürt das Unbehagen einer Epoche, die genau ahnte, dass ihre kulturelle Blüte kurz vor dem Absturz stand. Die Psychoanalyse Sigmund Freuds war damals keine akademische Spielerei, sondern Alltag im Wiener Kaffeehaus – und Journaux übersetzt diese seelische Schieflage in eine stimmungsdichte Musizierweise.
Dass die Pianistin die Gabe zur Miniatur besitzt, beweist sie mit Hugo Wolfs Verborgenheit aus den Mörike-Liedern. Der Klaviersatz singt wundersam, ernst und mit gehörigem Gewicht. Die Qualität der Klangregie zeigt sich hier besonders: Das Instrument wird mit großzügigem Hallraum umgeben, ohne dass die Konturen verwischen. Diese Räumlichkeit wirkt natürlich und lässt dem Flügel vollen Entfaltungsspielraum.
Einen bemerkenswerten Kontrapunkt setzt der Abstecher zu Franz Liszts Cantique d’amour aus den Harmonies poétiques et religieuses. Bei Journaux klingt dieser weiträumige Liebesgesang erstaunlich abgeklärt. Sie verfällt nicht in virtuoses Dämonisieren, sondern betont die klugen Fragestellungen in der Partitur. Brangänes Wachtruf aus Wagners Tristan schließt sich als klangliches Gegengewicht an. Wieder gelingt es der Pianistin, die poesievolle Ruhe dieser Nachtelegie zu wahren, ohne im Zeitlupe-Tempo zu erstarren.
Bevor die Scheibe mit Franz Schrekers Vorspiel zur Oper Die Gezeichneten im rauschhaften Zauber zu versinken droht – Schreker war schließlich der Großmeister klanglicher Überdosierung –, zieht Journaux noch einmal die Zügel an. Ihre Fassung bündelt die wuchernden Polyphonien zu einem fokussierten Gebilde von erstaunlicher orchestraler Farbigkeit. Blei und Gold, Schmutz und Schönheit prallen unvermittelt aufeinander. Wer geglaubt hat, Schrekers Musik funktioniere nur mit Riesenorchester und üppigem Schlagwerk, wird hier eines Besseren belehrt.
Den Schlusspunkt markiert ein Coup, der die Schönheit dieser Epoche auf den Punkt bringt: das Tanzlied des Pierrot aus Erich Wolfgang Korngolds Die tote Stadt. Korngold schrieb diesen Welterfolg als junger Mann mit einer Melodielinie, die so unverschämt eingängig ist, dass man sie nicht wieder loswird. Journaux spielt diesen großen Wiener Schlager mit einem Hauch von Melancholie, ohne ihn in Kitsch zu ertränken. Es ist der feine, leicht ironische Kehraus für eine Siebzig-Minuten-Reise durch ein musikalisches Zaubertheater.
Diese Veröffentlichung taugt nicht zur Berieselung. Wer leichte Kost sucht, wendet sich ab. Juliette Journaux hat eine fordernde, kluge und zutiefst persönliche Einspielung vorgelegt – anstrengend im besten Sinne: weil diese Musik und dieser Vortrag tief in die Seele dringen. Auf dem Cover trägt sie ein Geflecht aus Perlen und anderen bunt funkelnden Elementen. Genau so lässt sie die Musik schillern. Sie imaginiert, was eigentlich unmöglich ist: den großen Orchesterklang auf dem Flügel. Und sie macht ihn für Augenblicke hörbar. Ein feinsinniges Plädoyer für eine Musik am Rande des Nervenzusammenbruchs.
Dirk Schauß, im September 2026
Tristan Generation
Juliette Journaux, Klavier
Alpha Classics, Alpha 1265

