CD TRIO WANDERER mit Kammermusik von Lalo, Debussy, Bonis und Ravel; harmonia mundi
Denn sie wissen, was sie tun!

Die Formation des Trios, besonders diejenige des Klaviertrios, halte ich für die spannendste und dynamischste überhaupt. Im Gegensatz zum Quartett kann es zwischen den drei Stimmen ganz direkt ordentlich emotional krachen. Die drei können sich die thematischen Bälle zuflanken, ohne dass ein Instrument davon unbedingt untergeordnet sein muss. Die individuellen Klangcharakteristika von Klavier, Violine und Cello erlauben eine reizvolle musikalische Ménage à trois unterschiedlichster Intimität und Intensität. Von zart verletzlich, prickelnd belebend bis zu orchestral auftrumpfend reicht die in unendlichen Nuancen von allem dazwischen abschattierte Bandbreite. Nicht wenige Komponisten haben dieser Triade ihre experimentellen und unglaublichsten Ideen und Gefühle anvertraut.
Das französische Trio Wanderer (Vincent Coq, Klavier, Jean-Marc Phillips-Varjabédian, Violine und Raphaël Pidoux, Cello) wurde 1987 in Paris gegründet und geht somit seit fast 40 Jahren den Geheimnissen der Gattung nach. Alle drei Musiker sind Studienabgänger der Paris Conservatoire National Supérieur de Musique, haben die eminentesten Ehrungen und Preise ihres Genres einfahren können und unzählige Einspielungen vorgelegt. Für mich verkörpern sie gemeinsam mit dem legendären amerikanischen Beaux Arts Trio das Non plus Ultra der Gattung. Jedes Mal, wenn ich eine Platte von dem in Anlehnung an Franz Schuberts „Wanderer-Fantasie“ benannten Trio einlege, bestätigt sich diese Erfahrung aufs Neue.
So bietet auch das jüngste Doppelalbum, das neben Raritäten wie dem Klaviertrio Nr. 3 in a-Moll, op. 26, von Édouard Lalo (1879) und „Soir – Matin“ für Klavier, Violine und Cello, op. 76 (1906) von Mel Bonis auch Populäres der Gattung, wie das Trio in G-Dur des 18-jährigen Claude Debussy (1880) oder dasjenige in a-Moll von Maurice Ravel vorstellt.
Besetzungs-untypischerweise überrascht die Publikation auch mit einer Barcarolle in Es-Dur, op. 71 für Klavier (1906) von Mel Bonis, der Sonate für Violine und Klavier in g-Moll und für Cello und Klavier in d-Moll von Debussy sowie der Sonate für Violine und Cello in a-Moll von Ravel.
Obwohl das dritte Klaviertrio von Lalo ein wahrlich fantastisches Chef-d’œuvre ist, dürfte es nur wenigen bekannt sein. Die Eröffnung des Albums mit dem viersätzigen schillernden Stück ist jedenfalls ein Paukenschlag, der sich gewaschen hat. Bereits im wild aufwallenden Allegro appassionato kann das Trio Wanderer seine Qualitäten von strukturierter Stimmführung bei hitzigen Leidenschaften und feurigen Kontrasten voll entfalten. Die Musik erzählt weiterführend im später von Lalo orchestrierten Presto, dem Ruhepol des Très lent bis zum rasant versöhnlicheren Allegro molto von irr- bis aberwitzigen Passionen, dunkel glühend, sich kompromisslos jeglicher allzu einfachen Konkretisierung entziehend, vielfach motorisch staccato-marcato bedrohlich und dennoch im letzten aller Unwirschheit der Tonalität zum Trotze rauschhaft lebensbejahend. Was für eine Trouvaille vitaler Triokunst. Beethoven und Schumann mögen formal und in der launischen Unberechenbarkeit der thematischen Entwicklung Pate gestanden haben, Lalo ist hier ein Wurf geglückt, der diesen wegen dessen folkloristischer Symphonie espagnole einseitig ruhmreichen Komponisten neu betrachten lässt.
Wesentlich unbeschwerter und lyrischer gibt sich der junge Claude Debussy als kammermusikalisches Debüt die erste und einzige Klaviertrio-Ehre. Im toskanischen Fiesole entstanden, steht das 1980 wieder entdeckte Stück – auch was Parallelen zu den Klangwelten eines Borodin und Balakirev – anlangt, in direktem Bezug zu seiner Bekanntschaft mit der russischen Aristokratin Nadeschda von Meck. Debussy tastet und testet sich durch Farbmischungen vieler Art, schon in diesem Stadium wegbereitend in atmosphärischer Pinselei, schwärmerischem Poetisieren und introvertierter Selbstbezogenheit. Das Scherzo begeistert durch sein rhythmisch koboldisches „Schaut her“, den beschwingt hüpfenden Duktus, während das Andante espressivo von heimlichen Blicken ganz anderer Art spricht.
Eine nicht mehr wirkliche, nur siebenminütige Rarität finden wir in Mel Bonis „Soir – Matin“. Schon in verschiedenen Einspielungen präsent, spiegelt das programmatisch lautmalerische, spätromantische Stück das immens steigende Interesse am Schaffen der französischen Komponistin Mélanie Hélène Bonis, besser unter dem das Geschlecht verschleiernden Pseudonym Mel Bonis bekannt. In schwebenden Arpeggien und sinnlich ornamentierten Streicherphrasen gefällt dieses delikat-liedhafte und farblich sachte getupfte Naturbild in der zauberhaften, Feen beim intimen Plaudern beobachtenden Interpretation des Wanderer Trios.
CD2 wartet mit den zitierten Spitzenschöpfungen impressionistisch französischer Kammermusik von Debussy und Ravel auf. Die drei Musiker des Trios Wanderer legen hier außer dem Klaviertrio von Ravel in Zweierbesetzung Zeugnis von ihrer exquisiten klanglichen und kammermusikalisch bis zum Zerreißen intensiven Meisterschaft ab. Dazu zählen die Gabe, fiebrige Unruhe akustisch körperlich erfahrbar zu machen, von melancholischem Schmerz zu singen oder das avantgardistische Wetterleuchten der Kompositionen stoffmusterlich Raum und Tiefe gewinnen zu lassen.
Rundum grandioses Album! Empfehlung!
Dr. Ingobert Waltenberger

