CD TRIO BRONTË: Wolfgang Rihm – Fremde Szenen III / Franz Schubert – Klaviertrio B-Dur D. 898; Solo Musica 05.11.2025 |

Drei Musikerinnen, zwei Jahrhunderte, ein überzeugendes Konzept: Das Trio Brontë setzt in seinem Debütalbum auf den produktiven Zusammenprall zwischen Wolfgang Rihms „Fremden Szenen III“ und Franz Schuberts B-Dur-Trio – und beweist dabei interpretatorische Weitsicht.
Die deutsch-italienische Violinistin Chiara Sannicandro, die bulgarische Pianistin Lili Bogdanova und die amerikanische Cellistin Annie Jacobs-Perkins gewannen mit diesem Programm im Februar 2025 den ersten Preis beim Wettbewerb „Franz Schubert und die Musik der Moderne“ in Graz. Nun legt das erst 2022 gegründete Ensemble seine erste CD bei Solo Musica vor. Der Name dieses jungen Trios ist darüber hinaus Programm: „Brontë“ verweist auf die drei legendären Schwestern, Symbol für kreative Unabhängigkeit und gegenseitige Unterstützung.
Dass Rihm in diesem Programm den Auftakt bildet, erweist sich als dramaturgisch weitsichtig: Seine Moderne fungiert als Ohrenöffner, der den Blick auf Schubert neu justiert. Mit vagem Hineintasten, gehauchten Flageoletts und dynamischen Zuspitzungen lässt das Trio die „Fremden Szenen III“ beginnen. Rihms Klangwelt baut sich auf wie ein Assoziationsfeld, das seine Gedankenwelt erst zögerlich offenbart. Dann folgt stürmischer Furor, der zitathaft einen romantischen Gestus aufgreift, bevor er in freie Regionen aufbricht, wo Toncluster motorisch hämmern und grelle dissonante Farben blenden. Rihms poetische Formel wird vom Trio unmittelbar in sinnliche Erfahrung übersetzt: Vertraute Klänge werden fremd, Fremdes vertraut. Das Stück bricht ab, statt zu enden.
Ein Paradox aus Krise und Lebenslust
Umso wirkungsvoller wirkt der Übergang zu Schuberts fröhlicher Verspieltheit, die ein subtiles Geflecht aus intimen Gedankengängen ausbreitet. Die feine Eleganz im Zusammenspiel sorgt für hohe Intensität in allen vier Sätzen – mit viel Anmut spielen sich die drei Musikerinnen die thematischen Bälle zu.
Schuberts B-Dur-Trio ist ein Paradox aus tiefster Lebenskrise und ungebrochener Lebenslust. Der erste Satz verbreitet den Gestus einer temperamentvollen Wanderung, durchsetzt von Momenten reflektierter Poesie.
Im Adagio zeigt sich die Kunst der drei, sich einem innigen Instrumentalgesang hinzugeben. Dem Trio gelingt eine souveräne Balance zwischen Anwachsen und Diminuendo, zwischen Dringlichkeit und unterschwelliger Tragik, wofür sie stets die passende Klangfarbe abrufen. Im Scherzo überzeugt die versierte Dosierung von leichtfüßigem Staccato und tragfähigem Legato. Im Finalsatz, der Variationstechnik mit sonatenförmiger Entwicklung vereint, zeigt sich die respektvolle Musizierhaltung: Niemals verführen sich die drei zum effektheischenden Tempo, stattdessen wahren sie einen aufrichtig-deklamatorischen Gestus. So werden Affekte und Regungen, vor allem die Widersprüche und Ambivalenzen in Schuberts Musik zum Sprechen gebracht.
Mit diesem Debüt demonstriert das Trio Brontë, dass das Beantworten vorhandener Musik bedeutet, neue Fragen zu stellen. Eine Einspielung von bemerkenswerter interpretatorischer Reife.
Trio Brontë: Wolfgang Rihm – Fremde Szenen III / Franz Schubert – Klaviertrio B-Dur D. 898
Solo Musica SM498 • 56 Min.

