Théodora lässt die barocken Herzen tanzen

Manchmal braucht es vier Freundinnen und eine gemeinsame Leidenschaft, um den Staub von den Perücken des 18. Jahrhunderts zu wedeln. Mariamielle Lamagat, Louise Ayrton, Lucie Chabard und Alice Trocellier lernten sich an der Royal Academy of Music in London kennen – einem Ort, der zwar britisches Prestige atmet, in diesem Fall aber zur Keimzelle für eine tiefe Liebe zum französischen Barock wurde. Unter dem Namen Ensemble Théodora haben sie nun beim Label Alpha Classics ihr Debütalbum „Tranquilles Coeurs“ vorgelegt. In der Reihe „Baroque Stories“ spüren sie einer musikalischen Fernbeziehung nach, die damals ganz Europa in Atem hielt: der unwiderstehlichen Strahlkraft des französischen Stils im Deutschland des 18. Jahrhunderts.
Es ist eine Reise dorthin, wo die preußische Strenge auf das Pariser Savoir-vivre traf. Am Hofe Ludwigs XIV. wurden Moden diktiert, die weit über die Kleiderordnung hinausgingen. Punktierte Rhythmen, elegante Verzierungen und jene ganz spezifische, schwebende Melancholie französischer Tanzformen infizierten die deutschen Komponisten. Wer etwas auf sich hielt, komponierte „à la française“. Das Ensemble Théodora macht diese kulturelle Migration hörbar und zeigt, dass Komponisten wie Johann Fischer oder Johann Philipp Krieger ihre Bewunderung für Größen wie Lully und Campra keineswegs versteckten.
Der Einstieg in die CD gelingt mit einer klanglichen Unmittelbarkeit, die trotz des großzügigen Halls der Aufnahme nie die Kontur verliert. Man fühlt sich in einen weitläufigen Festsaal versetzt, in dem die Mikrofone dennoch nah genug an den Instrumenten stehen, um das feine Bogenhaaren auf den Saiten und das zarte Klicken der Cembalomechanik einzufangen.
Besonders hervorzuheben ist die Sopranistin Mariamielle Lamagat. Sie führt das Ensemble mit einer Stimme an, die ebenso ausdrucksstark wie variabel ist. Ihr Einsatz des Vibratos ist bewusst gewählt – sie nutzt es nicht als pauschalen Teppich, sondern als gezieltes emotionales Stilmittel. In Lullys „Plainte de Cloris“ erreicht sie eine Gefühlstiefe, die das Herz des Hörers tatsächlich für einen Moment ruhen lässt. Wenn dann noch die Mezzosopranistin Adèle Charvet im „Duo de la paix et de la félicité“ hinzustößt, entfaltet sich ein vokaler Glanz, der die Friedenssehnsucht des Barock nachdrücklich verkörpert.
Doch Théodora ist weit mehr als eine Begleitgruppe für Gesang. Die instrumentale Substanz der vier Gründungsmitglieder ist das eigentliche Rückgrat dieser Einspielung. Die Fischer-Suite dient hier als virtuoser Prüfstein: Louise Ayrton an der Barockvioline gestaltet ihren Klang mit einer Farbigkeit, die weit über das bloße Abspielen von Noten hinausgeht. Sie versteht es, Details zu akzentuieren, ohne den großen Bogen der Suite zu verlieren. An ihrer Seite agiert Alice Trocellier an der Viola da gamba mit einer erdigen Eleganz, während Lucie Chabard am Cembalo das harmonische Fundament mit einer rhythmischen Präzision legt, die den Tanzcharakter der Stücke atmen lässt.
Ein faszinierender Aspekt des Programms ist die Einbindung von Johann Sebastian Bach. Dass der Thomaskantor die französische Schule schätzte, ist bekannt, doch hier wird es konkret greifbar. Die Bearbeitung des Récit tendre von Jacques Boyvin für Violine, Gambe und Continuo zeigt, wie fließend die Grenzen zwischen den Gattungen waren. Besonders charmant ist das Arrangement der Aria BWV 587. Bach basierte dieses Stück auf Francois Couperins „L’Impériale“ aus den Nations. Es hier in einer kammermusikalischen Besetzung zu hören, statt wie gewohnt an der Orgel oder dem Klavier, verleiht dem Werk eine ganz neue, ja intime Leichtigkeit.
Einen spannenden Akzent setzt die „Sonata à 2“ eines anonymen Meisters. Dass diese Suite italienische Satzbezeichnungen wie Allemanda oder Sarabanda trägt, aber dennoch unverkennbar französisches Flair verströmt, ist ein wunderbares Beispiel für das europäische Musik-Crossover jener Zeit. Das Ensemble spielt hier mit einer Spielfreude auf, die vergessen lässt, dass es sich um eine wissenschaftlich fundierte Auseinandersetzung mit historischer Aufführungspraxis handelt.
Dass die Kernmitglieder sich selbst Raum für Solostücke geben, erweist sich als dramaturgischer Glücksgriff. Das Cembalo-Solo „Sourdine d’Armide“ profitiert enorm von der gewählten Stimmung des Instruments. In den verschiedenen Tonarten entfaltet das Temperament des Cembalos eine Farbreichweite, die man bei modernen Flügeln oft vermisst. Auch die Viola da gamba darf glänzen, wenn sie das Thema des Titelsongs „Tranquilles Coeurs“ instrumental vorstellt, bevor der Gesang die emotionale Botschaft vollendet.
Kriegers Kantate „Surgite cum gaudio“ (Erhebt euch mit Freude) bildet einen der energetischen Höhepunkte. Die religiöse Inbrunst wird durch die geschickte Instrumentierung – hier wurden Passagen für Violine und Gambe integriert – in einen deutlich tänzerischen Kontext gesetzt. Es ist diese Mischung aus tiefem Ernst und gallischer Leichtigkeit, die das Album so kurzweilig macht.
Mit ihrem Debüt ist dem Ensemble Théodora ein klug konzipiertes und handwerklich makelloses Album gelungen. Es ist keine trockene Geschichtsstunde, sondern ein lebendiges Plädoyer für den kulturellen Austausch. Wer wissen will, warum die deutschen Komponisten des 18. Jahrhunderts so sehnsüchtig nach Westen blickten, findet hier die Antwort in Tönen.
Dirk Schauß, im Februar 2026
Tranquilles Coeurs
Ensemble Théodora
Alpha Classics, Alpha1197

