Online Merker Logo

Die internationale Kulturplattform

CD „TORMENTI D’AMORE“ Countertenor/Sopranist PHILIPP MATHMANN mit Kantaten von REUTTER, PORSILE und HASSE

Weltersteinspielungen; querstand

19.10.2020 | cd

CD „TORMENTI D’AMORE“ Countertenor/Sopranist PHILIPP MATHMANN mit Kantaten von REUTTER, PORSILE und HASSE; Weltersteinspielungen; querstand

Soeben hat der polnische Countertenor Jakub Józef Orliński den Opus-Klassik abgeräumt, er wurde für die Mitwirkung an einer DVD-Aufzeichnung der Händel-Oper „Rodelinda“ geehrt. 2019 war er erstmals verdienter Preisträger und wurde für das Raritätenalbum „Anima Sacra“ (solistische Einspielung Gesang) ausgezeichnet. Und wieder ist Erfreuliches aus der Alten Musik Szene zu berichten. Das Debüt Album des in Berlin lebenden deutschen Countertenors/Sopranisten Philipp Mathmann schürt große Hoffnungen. Wieder ist auf Tonträger ein Sänger mit balsamisch samtigen Eigentimbre, einer farbenreichen Mittellage und wunderbarem Legato zu entdecken.

Auf zwei CDs werden vorwiegend Juwelen aus dem Meininger Musikarchiv, und zwar Vokales von Johann Adolf Hasse, Giuseppe Porsile und Georg Reutter d.J. erstmals einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Dass die Werke erhalten blieben, verdanken wir Anton Ulrich von Sachsen-Meiningen, der 1724 nach Wien reiste, wo er Kopien für die herzogliche Preziosenkammer anfertigen ließ. Das Ergebnis: 107 Manuskripte mit insgesamt 297 Vokalkompositionen aus dem Wiener Musikschaffen zwischen 1710 und 1740Aus den mehr als 170 Kantaten der Sammlung wurden für das vorliegende Album vier eingespielt, von denen drei exklusiv im Meininger Archiv schlummerten.

Die Kammerkantaten „Or che dorme l’idol mio“ (Reutter), „Le sofferte amare pene“ (Porsile), „Lascia i fior“ und „Non ti sovvien, mia Fille“ (Hasse) folgen dem Strickmuster langsame Arie (Adagio, Largo, Andante moderato) – Rezitativ – rasche Arie (Allegro, Presto). Die hochbarocken Gurgelartistereien verlangen vom Solisten Beträchtliches: lange Haltetöne und endlose Legatophrasen, Sechzehntelgirlanden, Trillerketten, kleine Noten, große Sprünge, virtuose Triolen-Koloraturen. 

Philipp Mathmann fühlt sich in den langsamen Sätzen eindeutig wohler als im ‚Canto fiorito‘, wo rasante Verzierungen, Arpeggien etc. gefragt sind. Da gerät die eine oder andere schnelle Tonfolge unsauber verschliffen. Daran sollte der Sänger mit der pur-instrumental geführten Stimme arbeiten. Die Intonation hingegen ist stets einwandfrei. Dass Liebeswirren und -irren zumindest in der Musik keine schlechten Vorlagen sind, daran lässt dieses expressiv musizierte Album keinen Zweifel. Das Ensemble für Alte Musik „Capella Jenensis“ mit seinen vibratoarmen Streichern,  und der vom Cembalo aus dirigierende Gerd Amelung sorgen für memorable musikalische Eindrücke.

Zusätzlich enthält die Doppel-CD zur anderen Hälfte reine Instrumentalmusik, zwei Sonaten, eine in D-Dur (op. 2/6) und eine in A-Dur (op. 2/3) von Johann Adolf Hasse sowie zwei ebenfalls unter seinem Namen publizierte Sinfonien in g-Moll (op. 5/6) und in D-Dur (op. 5/4), bei denen sich erst nach jüngsten Forschungen herausstellte, dass sie gar nicht von Hasse komponiert wurden, sondern vom Kopenhagener Hofkapellmeister Paolo Scalabrini. Vor seiner Anstellung in Kopenhagen war dieser Scalabrini ungewöhnlicherweise  Mitglied einer reisenden Operntruppe, die unter anderem in Hamburg auftrat und dort 1745 Hasses „La clemenza di Tito“ aufführte. 

Ich nehme an, auch der Name Giuseppe Porsile wird nicht vielen Lesern vertraut sein. Wie der Dirigent Gerd Amelung erläutert, „war er der Sohn eines neapolitanischen Opernkomponisten, studierte in seiner Heimatstadt und arbeitete nach einem Ruf des spanischen Königs ab 1708 am neuen Palasttheater von Barcelona. Nach der Krönung des spanischen Königs Karl III. als Karl IV. von Habsburg folge Porsile 1713 dessen Frau Elisabeth Christine von Braunschweig Wolfenbüttel an den Wiener Hof in der Hoffnung auf eine feste Anstellung. Diese ließ jedoch bis 1720 auf sich warten, als er zum Hofkomponisten ernannt wurde. Johann Adolf Hasse schätzte seine Kompositionskunst und Hasses Ehefrau Faustina Bordoni sang in mehreren seiner Opern.“

Ein Sonderlob gebührt Tonmeister Mathias Kiesling: Mit minimalistischer Platzierung von Technik erreicht er in der Friedenskirche Jena mit seinen selbst entwickelten Mikros und Röhrenverstärkern ein Maximum an natürlichem Klang und räumlicher Tiefenstaffelung. In den Adagio-Arien scheint die Stimme wie über dem gesamten Instrumentalensemble zu schweben. Dazu sind die kleinsten Details jedes Instruments in höchster Transparenz quasi „kontrapunktisch“ zur vokalen Klangwolke wahrnehmbar. Der Hörer empfindet eine angenehme Schwerelosigkeit. So trägt die spezifische erstklassige Akustik des Raums zu einem besonders individuellen Hörerlebnis bei. Alle Freunde audiophiler Aufnahmen werden entzückt sein.

Dr. Ingobert Waltenberger

 

Diese Seite drucken