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CD TOMMASO TRAETTA: IFIGENIA IN TAURIDE – Aufnahme von den Innsbrucker Festwochen der Alten Musik 2025

Weltersteinspielung, CHRISTOPHE ROUSSET und Les Talents Lyriques; Aparte

07.04.2026 | cd

CD TOMMASO TRAETTA: IFIGENIA IN TAURIDE – Aufnahme von den Innsbrucker Festwochen der Alten Musik 2025, Weltersteinspielung, CHRISTOPHE ROUSSET und Les Talents Lyriques; Aparte

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Der für Traettas Oper von Marco Coltellini (derselbe verantwortete das Textbuch zu Mozarts „La finta semplice“) gewählte Stoff aus dem antiken Drama der Atridensage ist an mordlüsterner Spannung und voltenreicher Ereignishaftigkeit nicht zu überbieten. Er wartet selbst in der Welt der Oper mit einer seltenen barbarischen Garstigkeit, dafür aber – wie damals meist noch üblich – mit einem lieto fine auf. Solch dramaturgische Raffinesse oder – je nach Blickwinkel – Banalität wird bis heute in Netflixserien ständig angewandt, muss doch die nächste Staffel vielen, alle wüsten Attacken überlebenden Superhelden und dem treuen Publikum eine weitere Gelegenheit auf die bizarrsten Abenteuer offerieren.

Nun bietet gerade die vom Fluch der Atriden durchseuchte Familiengeschichte der Iphigenie – ja, man soll den Göttern nicht wie der dreiste Tantalos Nektar und Ambrosia stehlen und ihnen dann noch den jungen Pelops zum Dinner servieren – reichlich Nahrung, um Oper nach Oper zu füllen. Das taten mit unterschiedlicher Resonanz u.a. Christoph Willibald Gluck, Richard Strauss, Iannis Xenakis, Felix Weingartner oder Ernst Krenek.

Oder eben dieser aus Apulien stammende Tommaso Traetta, der mit seiner 1763 im Schönbrunner Schlosstheater uraufgeführten, von Gluck dirigierten „Ifigenia“ die Schauerstory via Erlösung des Muttermörders Orest von den Furien und der Befreiung Iphigeniens aus Tauris (antiker Name für die Krim) um weitere Aspekte bereicherte. 

Alle Schlachtereien aus Hofmannthals/R. Strauss „Elektra“ samt Vorgeschichte erledigt, beginnt die Oper Traettas mit der Ankunft von Orest und dessen Gefährten Pylades auf Tauris. Da ist Iphigenie vom nicht erhörten Diktator Thoas (=Toante) zu einem grausamen Opferkult im Tempel der Pallas Athene angehalten. Sie muss nämlich als Oberpriesterin das Leben jedes Fremden, der auf die Insel kommt, der Göttin „weihen.“ So soll es auch dem vorerst von der Schwester unerkannten Orest ergehen, der alsbald gefangen genommen wird.

Pylades verbündet sich indes mit Iphigenies Vertrauter Dori. Orestes gelingt so kurz die Flucht und der Diebstahl des nach einem Orakelspruch Entsühnung versprechenden heiligen Göttinnenbildes aus dem Tempel, das er wieder nach Argos bringen soll. Da aber drei Akte mit Aktion vollzustopfen sind, verschwindet Pylades. Orest lässt den geliebten Freund natürlich nicht in den Fängen des Ungeheuers Thoas. Es kommt, wie es kommen muss, nämlich zu einer sich zuspitzenden Peripetie: Iphgenie soll Orestes, Pylades und Dori auf Geheiß des Thoas töten. Als Iphigenie von Pylades erfährt, dass Orest ihr Bruder ist, erdolcht sie stattdessen Thoas, als dieser sich anschickt, Orest ins Jenseits zu befördern. Die Bewohner von Tauris können von der Tyrannei befreit aufatmen und Iphigenie ihren Bruder in die Arme schließen.

Dieser Plot gab dem mit insgesamt 40 Opern äußerst fruchtbar schaffenden Komponisten Gelegenheit, die kontrastierenden emotionalen Lagen der handelnden Figuren in dramatischen Arien, Tänzen und, ähnlich wie bei Gluck, zahlreichen Chören zwischen barocker Verzierungsvirtuosität und einer sich anbahnenden neuen „Einfachheit“ der der Wahrhaftigkeit verpflichteten Opernreform zu erkunden. Der in Neapel ausgebildete Durante-Schüler Traetta hatte das Glück einer gewinnbringenden Opern-Seilschaft mit der Sopranistin Caterina Gabrielli. Ihr schrieb er etliche Opernrollen in die bewegliche Gurgel. Sie verhalf ihm zu Ruhm von den Opernzentren Norditaliens bis nach Wien.

Die Musik Traettas polarlichtert in „Ifigenia in Tauride“ aufgepeitscht hochdramatisch, erregt bravourös. Sie entfernt sich damit erheblich von dem auf Koloratursensationen und weitausschwingenden arkadischen Kantilenen angelegten Universum des Hochbarocks. Auf der anderen Seite ist Traettas dramaturgisches Klangverständnis trotz beibehaltener dreiteiliger da capo Arien mit weniger Akademismus belastet und eherner Strenge unterwegs als Gluck. Das zeigt sich insbesondere in den Rezitativen, die -comme il faut – am Wort entlang sängerischer schwingen und nicht staubtrocken nüchtern die Arienwonnen zerstückeln. Traetta schuf mit dieser Oper psychologisch glaubhafte Konstellationen, die Christian Baier in „Tragische Wetterstrahlen“ pars pro toto für die Szene Orest Furie als „beklemmend, verstörend, gänsehautnah am Leben“ trefflich formulierte.

Christophe Rousset, den Instrumentalensembles von Les Talents Lyriques und dem Tiroler Chor NovoCanto war mit der bereits für den Winter 2013/14 in Schwetzingen – Barock-Fest im Rokokotheater des Schlosses, Premiere im Rokokotheater am 15. Dezember 2013 – wieder entdeckten „Ifigenia in Tauride“ in Innsbruck ein großer Erfolg beschieden. Kein Wunder: Artikulatorisch scharf gewürzt im atemlosen Drive eines Noir-Thrillers, hält Rousset die Spannung in allen drei Akten am Köcheln. Den zahlreichen Zwischentönen lässt Rousset gedecktere Klangabmischungen zuteilwerden. Die Chöre kommentieren den jeweiligen Stand des Dramma per musica hymnisch klassisch .

Die Besetzung mit der spanischen Koloratursopranistin Rocio Pérez als Ifigenia, dem polnischen Countertenor Rafał Tomkiewicz als Oreste, der lyrischen Sopranistin Suzanne Jerosme in der Hosenrolle des Pilade, dem technisch brillanten, vom Timbre her ein wenig trockenen australischen Tenor Alasdair Kent als Toante sowie der fantastischen dänischen Sopranistin Karolina Bengtsson als Dori zeigt sich allen affektiven und sängerischen Extremlagen gewachsen. Sie vermag die Ambivalenz und Nöte der Figuren glaubhaft zu vermitteln und in eine berauschend neapolitanisch spätbarocke Klangfarbenpalette zu konvertieren.

Fazit: Diese musikalische epochale Ausgrabung ist endlich in einer allseits hochkarätigen Einspielung verfügbar. Nachvollziehbar ist damit nicht zuletzt, wie sehr Traettas Oper Glucks populärere, 1779 an der Pariser Oper uraufgeführte „Iphigénie en Tauride“ beeinflusst hat. Spezielle Empfehlung!

Dr. Ingobert Waltenberger

 

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