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CD THOMAS LARCHER: Symphonie Nr. 2, „Die Nacht der Verlorenen“ – ANDRÉ SCHUEN, FINNISH RADIO SYMPHONY ORCHESTRA unter HANNU LINTU; Ondine

17.12.2021 | cd

CD THOMAS LARCHER: Symphonie Nr. 2, „Die Nacht der Verlorenen“ – ANDRÉ SCHUEN, FINNISH RADIO SYMPHONY ORCHESTRA unter HANNU LINTU; Ondine

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Dunkle Faszination zeitgenössischer Musik

„Ich möchte die Formen unserer musikalischen Vergangenheit im Kontext unserer heutigen Erfahrungen erkunde. Wie können wir eine zeitgemäße Tonsprache finden? Und wie können die alten Formen zu uns sprechen? Solche Fragen stelle ich mir oft. Dieses Stück handelt von den unterschiedlichen Formen von Energie: gebündelt, gestreut, ausgeglichen, kinetisch oder wütend.“ Thomas Larcher über die zweite Symphonie

Thomas Larcher, der wohl aufregendste österreichische Komponist der Gegenwart, hat nicht nur die Oper „Das Jagdgewehr“ auf meine persönliche Lieblingsnovelle des Japaners Yasushi Inoue geschrieben, sondern sich in den letzten Jahren auch als Meister der großen Form etabliert.

Auf der vorliegenden CD werden die live Aufnahme der Symphonie Nr. 2 „Kenotaph“ aus dem Helsinki Music Center vom Jänner 2019 mit einer Studioeinspielung des fünfteiligen Zyklus für Bariton und großes Ensemble „Die Nacht der Verlorenen„ auf posthum veröffentlichte Textfragmente von Ingeborg Bachmann kombiniert.

Die zweite Symphonie wurde als Auftragswerk der Oesterreichischen Nationalbank zu deren 200-jährigen Bestehen am 4.Juni 2016 im Wiener Musikverein uraufgeführt. Es spielten die Wiener Philharmoniker, es dirigierte Semyon Bychkov. Der Untertitel „Kenotaph“ bezeichnet ein Ehrenzeichen für einen Verstorbenen, allerdings ohne dessen sterbliche Überreste. Larcher komponierte das Werk unter dem Eindruck der zahlreichen im Mittelmeer ertrunkenen Flüchtlinge. Es ist nach dem Muster einer klassischen Symphonie aufgebaut: „Es gibt einen großen ersten Satz, einen langsamen zweiten Satz, ein Scherzo und ein Finale“.

Der Tiroler Larcher hat seinen musikalischen Anker in der schillernden Spätromantik verortet und wirft seine Angelrute weit in avantgardistische Gefilde aus. Die monumentale, instrumental-virtuose Komposition „Kenotaph“ versetzt den Hörer dem Sujet entsprechend in emotionale Extremzustände. Klänge und Geräusche ergänzen einander zu einem weit gespreizten Kaleidoskop menschlicher Erfahrung, die bis zum Äußersten, dem Tod, reicht. Peitschende Rhythmen, scharrende Streicher, Bogen auf Holz imitieren Laute, die der übermächtigen Natur, dem unbändigen Bewegungen des Meeres abgeluchst scheinen, aber doch nichts als unsere angsterfüllte  Wahrnehmung spiegeln. Dennoch scheue ich mich nicht, von einer „schönen“ Musik zu sprechen, vielleicht einem mystischen Requiem, das neben dem Apostrophieren letzter Dingen auch orchestrale Grenzen auslotet und – ganz wichtig – Trost und Ruhe verheißt. Man kann auch hören, dass Larcher dieses Werk ursprünglich als Konzert für Orchester geplant hat. Auf jeden Fall ist der Eindruck überwältigend.

Die „Nacht der Verlorenen“ für Bariton und großes Orchester spricht von Trennung, dem rasenden Schmerz unwiederbringlich vergangener Liebe. Der Text stammt aus den 60er Jahren, als Ingeborg Bachmann gerade die Trennung vom Schweizer Schriftsteller und Architekten Max Frisch zu verdauen hatte. Diese sehr persönlichen Schriften wurden im Jahr 2000 im Buch „Ich weiß keine bessere Welt“ publiziert. Die Dichterin rang zur Zeit der Entstehung der Texte mit Selbstmordgedanken und hatte eine Abtreibung hinter sich. 

Der auch als Liedsänger überaus bedeutende André Schuen mit seinem profunden und ausdrucksstarken Bassbariton gestaltet diese Orchesterlieder ohne Pause als einsdringlicher Erzähler, der im Verlauf der Musik immer mehr Raum gegenüber dem Orchester gewinnt. Schuen ist im Vollbesitz aller stimmlichen Möglichkeiten, dynamisch reizt er alle Pole aus, ohne auch nur an technische Grenzen zu streifen. Larcher zum Part des Instrumentalensembles: „Die textlichen Ereignisse, die von der Stimme aufgeworfen werden, werden durch das Ensemble noch einmal vergrößert, gewissermaßen herangezoomt, körperlich verstärkt und spürbar gemacht.“

Das Ereignis des Albums bildet das brillante Finnish Radio Symphony Orchestra unter der musikalischen Leitung von Hannu Lintu. Es konfrontiert den aufgeschlossenen Hörer mit dem Abenteuer zeitgenössischer Musik auf eine fesselnde Art und Weise. Spannender und sinnreicher zugleich kann Musik nicht gestaltet werden. Höchste Empfehlung!

Dr. Ingobert Waltenberger

 

 

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