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CD „THE YIDDISH CABARET“: Kammermusik und 5 Lieder für Streichquartett von KORNGOLD, SCHULHOFF und DESYATNIKOV, harmonia mundi

20.06.2019 | cd

CD „THE YIDDISH CABARET“: Kammermusik und 5 Lieder für Streichquartett von KORNGOLD, SCHULHOFF und DESYATNIKOV, harmonia mundi

Tja, das ist so eine Sache mit den Konzept-CDs. Von den Marketingabteilungen gefundene Titel sind mal pure fantasy oder stehen nur partiell dafür, was die Quintessenz eines Albums ausmacht. Wie in der vorliegenden, exquisit vom Jerusalem Quartett musizierten Auswahl an reinen Kammermusikkompositionen von Erich Wolfgang Korngold – Streichquartett in Es-Dur, Nr. 2, Op. 26 – oder Erwin Schulhoff – „Fünf Stücken für Streichquartett“. Dieses Programm wird ergänzt um fünf Lieder, die von einem genialen russischen zeitgenössischen Komponisten für Sopran und Streichquartett arrangiert wurden. Wenn ich das Wort „Cabaret“ höre, assoziiere ich hingegen in erster Linie Vokalmusik, vor allem Chansons, Couplets in jazzig ironisch, satirisch, erotisch oder auch politischem „Kleid“ natürlich.

Also bedarf es einer Erklärung, die im Booklet nachzulesen ist: „Es ist Mode geworden, Kabarett-Musik aus der Zeit der Weimarer Republik auszugraben. Auf die jüdische Komponente dieser Musik wird dabei allerdings nur selten hingewiesen… Dieses Album will zeigen, dass die jiddische Kultur nicht im Holocaust unterging, sondern sich ausbreitete und auf die zeitgenössische westliche Kultur großen Einfluss nahm. So verwandelten jüdische Immigranten zum Beispiel das Variété in den Broadway, wie wir ihn heute kennen und auch Hollywood wurde zu großen Teilen von jüdischen Immigranten und Flüchtlingen gegründet. Um dies zu veranschaulichen, wurden fünf Lieder ausgewählt. Diese wurden von verschiedenen Komponisten und Lyrikern geschrieben und wären in Polen in der Zeit zwischen den kriegen im Rahmen eines Kabaretts aufgeführt worden. Gemeinsam zeichnen sie ein Bild des jüdischen Straßenlebens in Warschau in der Zeit zwischen den Weltkriegen.“ Beauftragt wurde der geniale Leonid Desyatnikov mit der freien Transkription der Lieder, die wie Gila Flam zu Protokoll gibt, „die eklektische Kultur der assimilantes, des Lumpenproletariats und der Außenseiter, die Kultur des billigen Chicks und zugleich in ihrer besten Form eine schamlose, talentierte Kultur voller Selbstironie und latenter Verzweiflung“ widerspiegelt. „Der strenge gesetzte Klang des Streichquartetts verwandelt diese Musik in einen exquisiten Kupferstich.“

Dies wissend, gibt es mit dem zweiten, weitaus weniger bekannten Streichquartett (als dem ersten) von Erich Wolfgang Korngold aus dem Jahr 1934 ein ca. 25-Minuten langes Kammermusikjuwel als Einstand der CD kennenzulernen. In einer an besten Richard Strauss erinnernden, irisierend flimmernden Klangrede ist ein romantisch grundiertes Stück zwischen Expressionismus und komplexer Chromatik zu finden. Es verbindet „die charakteristisch ländliche Musik des heimischen Österreich mit reifer Wiener Sinnlichkeit“, bietet also typischen Korngold, könnte man auch sagen.  

Der in Prag geborene Erwin Schulhoff schrieb 1923  „Fünf Stücke für Streichquartett“, die im August 1923 in Salzburg uraufgeführt wurden. Aufgebaut wie eine  barocke Tanzsuite, stellt jedes Stück eine abgeschlossene Miniatur dar, die sich in einer „alla“-Annäherung auf die Spuren eines bestimmten Tanzstils begibt (u.a. Walzer, Tango und Tarantella). Voller rhythmischer Raffinesse erklingen volkstümliche, in zeitgemäßer Manier stilistisch spannend umgedeutete Preziosen.

Das Jerusalem Quartett spielt schlichtweg ereignishaft. Ob das ein romantisch schwärmerisch leuchtender Schönklang bei Korngold (vierter Satz Tempo di valse!) ist, sie tänzerisch frisch das Universum küssende Rhythmen produzieren oder als temperamentvolle Begleiter im höchst kunstvoll gestrickten Quartettpart der Lieder auftreten, die Formation spielt stets elegant, präzise, ausgewogen in den Ober- und Unterstimmen, voller Hingabe und trotz aller Durchhörbarkeit mit rundem vollem Klang. Die lyrische Sopranistin Hila Baggio (Debüt in der Dresdner Oper nächste Saison) interpretiert die Lieder in für das Genre ungewohnt üppiger Tongebung voller Wortwitz und Elan.

Die 2018 in den Teldex Studios Berlin aufgenommene CD wird klangtechnisch höchsten HiFi-Ansprüchen gerecht. 

Hinweis: Vergleichseinspielung für die Fünf Stücke für Streichquartett“ von Erwin Schulhoff: Signum Quartett mit dem Album „alla czeca.“

Dr. Ingobert Waltenberger

 

 

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