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CD „THE VIOLIN IN STRAVINSKY’S LIFE“ – ROLF SCHULTE, DAVID LEVINE, JEFFREY SWANN, HANS DEINZER; A.R.

16.07.2021 | cd

CD „THE VIOLIN IN STRAVINSKY’S LIFE“ – ROLF SCHULTE, DAVID LEVINE, JEFFREY SWANN, HANS DEINZER; A.R.

Zu Stravinskys 50. Todestag: Sensationelle, bislang unveröffentlichte WDR-Studiobänder 1976 bis 1979

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Die Kölner, in New York lebende Geigenlegende Rolf Schulte spielte in den 70-er Jahren Stravinskys kammermusikalische Werke für Violine und Klavier ein. Eine Offenbarung. Aufnahmetechnisch direkt und ohne Weichspüler hat die mitreißende „Suite italienne“ nach Stravinskys klassizistischem Ballett „Pulcinella“ (das wiederum von neapolitanischer Musik Pergolesis inspiriert ist) mit ihrem „volkstümlichen und spanisch-exotischen Charakter“ nie mehr überzeugt als in dieser musikalisch kondensierten Version. Frech, frisch, kühn, lausbubenmäßig-augenzwinkernd.

Stravinskys Zusammenarbeit mit dem amerikanischen Geiger Samuel Dushkin trug süße Früchte. So entstand nach dem Violinkonzert eine Sonate für Violine und Klavier, das sog. „Konzertante Duo“. Das fünfsätzige Stück ist klanglicher Ausdruck von Geist und Form bukolisch lyrischer Kunst des Altertums, à la Hans Sachs nach strengen Handwerksregeln gearbeitet. Drei Stücke aus Stravinskys Ballett „L’Oiseau de feu“ (arrangiert vom damals häufig in Konzerten in Europa und in den USA auftretenden Duo Stravinsky und Dushkin) zeigen einen farbtrunkenen Komponisten, der es vermochte, das Wesen der märchenhaft schwülstigen Musik auch in kleinerer Form zu bewahren. Die beiden Arrangements aus der Oper „Le Rossignol“ dienten ebenfalls als Tourneefutter des russisch-amerikanischen Schöpferduos. Virtuose Fantasien über die „herzzerreißende, klagende ‚Air du Rossignol‘ und die ‚Marche chinoise‘ „ dürften nicht nur damals das Publikum entzückt haben. Menuhin Schüler Rolf Schulte und der texanische Pianist Jeffrey Swann begeistern mit einem bravourösen Feuerwerk, ihr klar aufeinander abgestimmtes Zusammenspiel ist stupend.

Das „Divertimento“ nach dem allegorischen Ballett „Le Baiser de la fée“ sowie die Trio-Suite aus „“L’Histoire du Soldat“ für Violine, Klavier und Klarinette runden ein hochinteressantes, mit Biss, rhythmischer Präzision und impressionistischem Feintuning gespieltes Programm ab. Mich begeistert zudem die harte, extrem direkte, ohne widerhallendes Trampulin werkende Tontechnik, die an so manch Eigenaufnahme Friedrich Guldas erinnert und wo der Hörer das Gefühl hat, als ob das Mikro direkt an den Saiten des Klaviers angenagelt ist.

Fazit: Kompromisslose, künstlerisch im Detail ausdeklinierte und ebenso hochmusikalische Wiedergaben in einem nach wie vor vernachlässigten Repertoire des Igor Stravinsky. Fulminant!

Dr. Ingobert Waltenberger

 

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