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CD „THE MAGIC OF MANTOVANI“ – The Original Recordings mit JOSEPH CALLEJA; DECCA

15.09.2020 | cd

CD „THE MAGIC OF MANTOVANI“ – The Original Recordings mit JOSEPH CALLEJA; DECCA

Veröffentlichung: 25.9.2020

Zum 90-er ist es nicht obszön, es einmal krachen zu lassen: Das war schon 2019, aber dennoch: Die Decca hat nun ein sehr reizvolles Album veröffentlicht: Zu den stupend gut klingenden rein instrumentalen Original-Bändern (die Aufnahmen der Decca der späten 50-er und frühen 60-er Jahre können bis heute noch allerhöchste HiFi-Standards für sich in Anspruch nehmen) ist jetzt in 14 von den 17 Tracks tenorales Gold des Maltesers Joseph Calleja zu hören. Vom Marketing her soll das Album auch eine Art von Wiedererweckungskuss für den unglaublichen Backkatalog an Mantovani-Aufnahmen bringen.

Mr. Stereo Mantovani ist eine Legende: Im üppigsten Streichersound fühlt sich der Hörer in flauschigen Klang- und das Ohr sanft kitzelnden Fiedelwonnen baden, schwerelos, bestens temperiert. Alles ist auf Wohlgefallen und romantisches Wohlfühlen ausgelegt. Die bekanntesten Melodien wurden so im orchestralen Dauerschwips vermarktet: Und das mit Erfolg. Über 80 LPs und zahllose Singles hat er hinterlassen. Schon vor den Beatles war Mantovani der erste, der von einem Album (‚Charmaine‘, auch der erste Titel unserer neuen CD) weltweit mehr als eine Million Stereoplatten verkaufen sollte und damit in den US-Charts mit Elvis Presley und Frank Sinatra mitzog. Insgesamt wurden Mantovanis LPs über 60 Millionen Mal nachgefragt. Seinen Vertrag mit dem Label DECCA schloss er 1940.

Wenn wir schon bei Rekorden sind: Mantovanis Hit „Cara mia“ mit David Whitfield konnte sich zehn Wochen lang als Nummer eins in den UK singles Charts halten. Das war 1954. Und Mantovani soll über 3000 Heiratsanträge während seines Lebens erhalten haben. Was für ein unwiderstehlicher Venezianer dieser Annunzio Paolo Mantovani doch gewesen sein muss.  

Mantovanis Vater war der exzentrische „Bismarck Mantovani“, ein hochbegabter Geiger, der unter Toscanini das Orchester der Scala leitete und mit Pietro Mascagni Touren durch Nordamerika unternahm. 1912 ging die Familie nach England. Montovanis Ruhm basiert auf der Gründung eines der damals populären Tanzorchesters, das in Luxushotels wie dem Londoner „Metropole“ aufspielte. Heute trägt dieses, damals von Mantovani bevorzugte Hotel, den Namen ‚Corinthia‘ und gehört einem Malteser Konsortium unter dem Vorsitz der Familie Pisani. Und genau diese Familie ist es auch, die die Karriere von Joseph Calleja großzügig unterstützt. Hier schließt sich zumindest der persönliche Kreis Mantovani-Calleja.

Mantovani selbst arbeitete selten mit Sängern und nur einmal mit einem Operntenor zusammen. Das war 1962 für das Album „A Song For You“ mit Mario del Monaco. Ganz generell: Den Streicherpulk – von den 48 Orchestermitgliedern gehörten 37 der Streichergruppe an – führte lange Zeit kein Geringerer als David McCallum an, Primgeiger während Beechams Zeiten als Chefdirigent des London Philharmonic und Royal Philharmonic Orchestra. Die Arrangements stammen von Ronnie Binge, der vor allem wegen des kaskadierenden Streichersounds und der Echoeffekte berühmt wurde.

Die neue CD eint ein Sammelsurium an Songs von ‚Charmaine‘, Edelweiß‘ bis zu ‚Moon River‘, ‚Amazing Grace‘, ‚Strangers in the Night‘ und vier Nummer aus Bernsteins Musical „West Side Story“. Ein ideales Vehikel für einen Tenorstar mit Faserschmeichlerstimme, der noch immer über genügend lyrische Flexibilität verfügt, um in der Mittellage mit honigsüßem Schmelz zu locken, aber auch, wenn es passt, ein strahlendes ‚Hohes C‘ in den Raum schmettern kann. Als Thrill in der akustischen Hängematte sozusagen. All das kann Joseph Calleja, der wohl am Höhepunkt seiner Karriere angelangt ist. Auch vom Timbre her ginge er als luxuriöser Schlagersänger oder Crooner durch. Fast alles klappt, aber nicht alles gelingt gleich gut. Beispiele: ‚Strangers in the Night‘ etwa liegt Calleja einfach (viel) zu tief oder die Aussprache des Wortes ‚Edelweiß‘ mit viel zu offenen Vokalen klingt doch ziemlich exotisch.

Die sich viel zu opernhaft gerierende Emily d’Angelo wurde für die beiden Nummern ‚I feel Pretty‘ und ‚Tonight‘ engagiert. Unnötig. Auch warum Renée Fleming mit einem einminütigen Miniauftritt für „Somewhere“ mit dabei sein muss, ist künstlerisch nicht zu erklären.

Natürlich ist die Zielgruppe einer solchen CD das Opernpublikum, die Afficionados und Groupies von Joseph Calleja in erster Linie. Ich muss aber zugeben, dass mich auch der irgendwie reizvolle Mantovani-Streichersound fasziniert. Das ist zwar ein wenig so, wie den Bearbeitungen von Leopold Stokowski oder den Bach-Deutungen von Karl Richter, die ja komplett out sind, was Positives zuzugestehen. Wozu ich mich hiermit bekenne. Was mir noch gefällt: In Zeiten, wo Rheingold mit einem Streichquartett und ein paar Bläsern aufgeführt wird, erscheint es geradezu als verbotenes Vergnügen, sich solch einen Klangrausch zu gönnen. Nix da mit transparenter Artikulation und ausgedünntem Originalklang. Dazu die Stimme von Calleja, einen süffigen süßen Cocktail in der Hand und pfeif eine Stunde lang aufs Kalorienzählen, Corona und alle sonstigen katastrophalen Zustände dieser Welt.

Dr. Ingobert Waltenberger

 

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