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CD „THE FOUR SEASONS RECOMPOSED“ – FENELLA HUMPHREYS mit Werken von Vivaldi / Richter, Vasks und Pärt

19.07.2019 | cd

CD „THE FOUR SEASONS RECOMPOSED“ – FENELLA HUMPHREYS mit Werken von Vivaldi / Richter, Vasks und Pärt, RUBICON

Bearbeitungen können ganz großen Meisterwerken meist nichts anhaben, wenn sie im Kern respektierlich bleiben. Es ist ja nicht nur so, dass Opernregisseure regietheaterhaft Werke ummodeln, umstellen, umdrehen und so weiter, sondern auch Komponisten aller Zeiten Melodien entweder überhaupt gestohlen haben, sich selbst zitieren, oder aber sich Werken meist anderer Epochen auf ihre ganz eigene Art annähern und aneignen. So im vorliegenden Fall der Pianist und Komponist Max Richter, der mit seiner durchaus interessanten und seriösen 2012 uraufgeführten Version der „Vier Jahreszeiten“ von Antonio Vivaldi deutlich machen will, wie die regelmäßigen harmonischen Muster der Musik des frühen 18. Jahrhunderts den Minimalismus mehr als zwei Jahrhunderte später ankündigen. Das macht Richter  so, dass er „Fragmente oder fast ganze Sätze aus Vivaldis populären Konzert-Zyklus in seinen charakteristischen Mix aus Elektronik und Live-Musik, einschließlich Solovioline, einbettet.“ Und man muss sagen, die Übung ist wirklich gelungen, der Querverweis fasziniert.

Die britische Geigerin Fenella Humphreys ist nicht die einzige, die sich der Bearbeitung im Studio angenommen hat: Daniel Hope hat 2013 mit dem Konzerthaus Kammerorchester Berlin unter Andre de Ridder eine gute Einspielung bei der Deutschen Grammophon aufgelegt.  

Kritisch ist zu bemerken, dass wieder einmal Arvo Pärts „Fratres“ zum zigsten Mal als musikalisch leicht zu verdauende Beilage serviert wird. Immerhin ist die zweite Koppelung Peteris Vasks „Einsamen Engel“ gewidmet. Das Stück ist Gidon Kremer gewidmet, wie Vasks ein lettischer Virtuose, der Musikgeschichte geschrieben hat. Es handelt sich um ein eigenes Arrangement des Satzes „Meditation“ aus Vasks viertem Streichquartett aus dem Jahr 1999 für Solovioline und Streichorchester. Vasks im O-Ton: „Ich sah einen Engel, der über die Welt flog. Der Engel betrachtet den Zustand der Welt mit traurigen Augen, aber eine fast unmerkliche, liebevolle Berührung seiner Flügel bringt Trost und Heilung.“

Die Covent Garden Sinfonia unter der musikalischen Leitung von Ben Palmer steuert eine flächig irisierende bis barock deftig auftanzende orchestrale Unterlage bei. Die Streicher im ersten Satz des Frühlings surren wie ein Bienenschwarm auf einem Lavendelbusch. Die Aufnahmetechnik mit einem direkten warmen, räumlich tief gestaffelten Klang verstärkt noch den positiven Eindruck. Fenella Humphreys würde ich trotz der tadellosen Technik nicht primär als Virtuosin, sondern als Stimmungsmalerin auf ihrem Instrument betiteln. Sie kann‘s griffig rustikal, temporeich rasant, aber auch elegisch zart bis verträumt. Eine Entdeckung und eine atemraubende CD!

Dr. Ingobert Waltenberger

 

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