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CD „THE DIABELLI PROJECT“ – RUDOLF BUCHBINDER spielt Beethoven, Zeitgenossen und Zeitgenössisches; Deutsche Grammophon

Zum hundertsten Mal Diabelli und Beethoven - Rock it Rudi!

18.04.2020 | cd

CD „THE DIABELLI PROJECT“ – RUDOLF BUCHBINDER spielt Beethoven, Zeitgenossen und Zeitgenössisches; Deutsche Grammophon

Zum hundertsten Mal Diabelli und Beethoven – Rock it Rudi!

„Beethoven frisst Diabellis Walzer und verdaut ihn vor unseren Ohren.“ Buchbinder

Rudolf Buchbinder kann sich auf seine Familie verlassen. Ein Onkel hatte mitgezählt. Beethovens 33 Diabelli-Variationen auf einen in der repetitiven Simplizität eigentlich nervenden Walzer des Verlegers und Komponisten Anton Diabelli hat Buchbinder vor dem Beethoven-Jubiläum 2020 genau 99 Mal öffentlich gespielt. Auch auf Tonträgern ist der Zyklus für den Wiener Pianisten keineswegs neu: 1973 hat er ihn erstmals in den Teldec Studios in Berlin aufgenommen. Heute ist dieser editorische Schatz bei Warner in einer neuen Edition erschienen, weil Buchbinder sich damals zusätzlich zu Beethovens Beitrag alle – erst 1824 von Diabelli veröffentlichte – Variationen (Vaterländischer Künstlerverein) vorgenommen hat. Fünfzig Komponisten lieferten damals, u.a. Schubert, der elfjährige Liszt, Von Bocklet, Assmayer, C. & J. Czerny, Moritz Graf von Dietrichstein, Drechsler, Förster, Freystädtler, Gänsbacher, Gelinek, Halm, Hoffmann, Horzalka, Huglmann, Hüttenbrenner, Kalkbrenner, Kanne, Kreutzer, Heinrich Eduard Josef Freiherr von Lannoy, Mayseder, Moscheles, Ignaz Franz Edler v. Mosel, FX Mozart, Panny, Payer, Pixis, Plachy, Rieger, Riotte, Roser, Schenk, Schoberlechner, Sechter, Rudolph Erzherzog von Österreich, Stadler, Szalay, Tomasek, Umlauf, Vitasek, Vorisek, F. D. & F. Weber, Weiss und Winkhler

Zum Jubiläum hat sich Buchbinder was Neues einfallen lassen. Er erteilte einen Kompositionsauftrag an elf zeitgenössische Komponisten aus allen Ecken der Welt:  Lera Auerbach, Brett Dean, Toshio Hosokawa, Christian Jost, Brad Lubman, Philippe Manoury, Max Richter, Rodion Schtschedrin, Johannes Maria Staud, Tan Dun und Jörg Widmann. Und vergaß nicht, acht der schon 1973 auf Platte verewigten Lieblings-Variationen von Beethovens Zeitgenossen als lehrreiches Kontrastprogramm erneut darzustellen. Die “neuen” Komponisten gehen an die Sache durchwegs humorbefreit heran, das klingt dann plip plop esoterisch oder verkrampft kopfig. Im Vergleich zu Beethovens Abwandlungen und den zeitgenösischen Stücken sind sie meisten schlichtweg zu lang. Ausgenommen vom Mittelmaß sind für mich nur drei Versuche. Christian Josts jazzig swingendes “Rock it Rudi!”, Toshio Hosokawas fein gezeichnete Klangstudie “Verlust” sowie Jörg Widmanns wohl gelungenster Beitrag “Diabelli Variationen”, der das Thema gekonnt und mit Augenzwinkern, Boogie Woogie  und Radetzkymarsch karikiert. 

Bei den 33 Diabelli Variationen Beethovens kann der Eindruck entstehen, dass sich der geniale Tonsetzer eine “Hetz” daraus gemacht hat, auf das vorgegebene banale Thema mit einer ausufernden parodistischen Show “Schaut her was ich kann” zu antworten. Da führt Beethoven den Hörer permanent in die Irre, der sich dann sein Näschen an den extremen Tempokontrasten, den rasanten Fugen oder der groben Tastenakrobatik stößt. Das ufert ungewollt in Hörarbeit aus, um einen legendären Spruch Sigrid Löfflers aus dem Literarischen Quartett abzuwandeln.

Rudolf Buchbinder sieht die Qualität des Werks so: “Für mich handelt es sich bei den Diabelli-Variationen um das vielleicht spannendste Werk Beethovens. Sie sind Musik über Musik. Offensichtlich hat Beethoven sich an Bachs „Goldberg-Variationen“ orientiert, zitiert aber auch andere „Götter“ wie Haydn oder Mozart, dem er mit dem „Don Giovanni“-Motiv die 22. Variation widmet. Am Ende kehrt Beethoven zu sich selber zurück, zitiert in der 33. Variation seine letzte Sonate, op.111, und offenbart sein Genie, indem er einen einfachen Walzer in seine strukturellen Einzelteile zerlegt hat, um diese in aller Komplexität nach seinem Ebenbild wieder zusammenzubauen. Man könnte auch sagen: Beethoven frisst Diabellis Walzer und verdaut ihn vor unseren Ohren. 

Das allein wäre schon bemerkenswert, genial ist schließlich, dass Beethoven diesen Prozess nicht um des Prozesses Willen veranstaltet, sondern die Stadien der einzelnen Variationen nutzt, um ein Panoptikum menschlicher Grundfragen aufzuwerfen und anhand der Variationen die Vielfalt menschlicher Charaktere zu deklinieren. Beethoven hält jedes Glied des Diabelli-Walzers gegen das Licht der Musikgeschichte und ordnet es gewissenhaft dem Ideal seiner Gegenwart zu. Die 33. Variation geht für mich in einen Zustand über, in dem auch meine Assoziationen über Beethoven, über das Klavierspiel und die Diabelli-Variationen im Irgendwo der Welt verhallen.”

Rudolf Buchbinders neue Aufnahme ist hochvirtuos, im besten Sinn modern, der Pianist gewährt einen klaren Blick in den Maschinenraum des Komponisten im Sinne seiner Eigenanalyse. Insgesamt haben wir es mit einem sehr guten, aufnahmetechnisch großartigen Album zu tun. Ist da noch was? Ja, bei den Diabelli Variationen ist sich Buchbinder selbst der größte Konkurrent (Friedrich Guldas geniale Aufnahme aus 1970 lassen wir jetzt einmal vor, die es auch in einer neuen 180 g Vinyl Edition gibt). Während die Aufnahme aus 1973 federnd tänzerisch geriet, von frischem Wind durchweht mit goldrichtig sitzenden Rubati aufwartet und mit einem organisch die Phrasen singenden Zeitmaß sowie einer Anschlagskultur sondergleichen begeistert, wirkt die neue Aufnahme im direkten Vergleich kühler, bisweilen gehetzt und weniger raffiniert in der Dynamik. Aus den Auftragskompositionen holt Buchbinder heraus, was es zu holen gibt. Bei den acht aus Beethovens Zeitgenossen gewählten Kostproben reissen die rasante Gangart Buchbinders bei Kreutzer, Liszt, FX Mozart und Czerny vom Stuhl. Nur einer vermag Beethoven auf den zweiten Platz zu verweisen: Franz Schubert. Die Natürlichkeit, Innigkeit und Tiefe dieser Klavier-Miniatur berühren und gehen vor Beethovens kunstreichem Herzeigeglanz. Das bringt auch Buchbinders sensible Interpretation zum Ausdruck.

Fazit: Das Album aus 1973 hat das Atout, alle Diabelli-Vertonungen zu präsentieren, während die neue Aufnahme mit wenig gelungenen, nur drei sehr ansprechenden zeitgenössischen Kommentaren aufwarten kann. Musikalisch überzeugt mich die  Aufnahme aus 1973 mehr, aufnahmetechnisch hat die neue CD die Nase vorne.   

Hinweis: Buchbinder hat ein Buch über Beethoven geschrieben. “Der letzte Walzer” versammelt 33 Geschichten über Beethoven, Diabelli und das Klavierspielen, Amalthea Verlag, 192 Seiten.

Dr. Ingobert Waltenberger

 

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