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CD „TEMPÉRAMENTS“ – SHANI DILUKA spielt C.P.E. BACH und MOZART; MIRARE

07.01.2020 | cd

CD „TEMPÉRAMENTS“ – SHANI DILUKA spielt C.P.E. BACH und MOZART; MIRARE

 

„Die Kunst/Musik deckt die tiefsten Geheimnisse unseres Menschseins auf“ Shani Diluka

Wir erleben eine goldene Ära der Klavierkunst. Es ist erfreulich, wie viele hervorragende Pianisten und vor allem Pianistinnen uns mit ihrer hohen Musikalität und mit unglaublichem technischem Können näher an die Komponisten heranführen und uns Hörern neue Einsichten und Eindrücke vermitteln. 

 

Die sri-lankesisch-französische Pianistin Shani Diluka hat sich für ihr Album „Temperaments“ vorgenommen, eine Brücke zwischen C.P.E. Bach und W.A. Mozart erlebbar zu machen. Sie stellt die Stücke „Andante con tenerezza“, „Solfeggietto“, „Variatons sur le thème de la Folie“, das „Konzert in Moll Wq. 23“, und den „Abschied von meinem Silbermanischen Klaviere in einem Rondo“ von C.P.E. Bach der „Klaviersonate in a-Moll, K. 310“ und der „Fantasie in d-Moll, K. 397“ von Mozart gegenüber. Im Falle des „Andante con tenerezza“ stellt die Pianistin die Klammer zwischen der historischen Aufführungspraxis und dem Klang eines modernen Steinway her, indem sie am Ende des Programms das Stück auf einem Pianoforte Walter 1790 (Kopie Chris Maene) wiederholt. Da es Mozarts Lieblingsklavier war, stellt Shani Diluka auch die „Fantasie in d-Moll“ auf dem nachgebauten Hammerklavier vor. Das Experimentieren mit verschiedenen Instrumenten kennen wir ja schon von Pianisten wie Alexander Melnikov. Es erlaubt dem Hörer eine virtuelle Reise in die Zeit der Entstehung der Werke, hilft das Gehör für Zwischentöne und Empfindungen zu stärken. Aber wir dürfen auch die Erdigkeit und das Maß im Klang der alten Klaviere bestaunen sowie den technischen Fortschritt im Instrumentenbau samt allen Möglichkeiten zu einer differenzierten Anschlagskultur und zu dynamisch ausgereizten Polen konstatieren. 

 

Es geht in der Musik C.P.E. Bachs um Empfindsamkeit, eine neue Subjektivität und Individualität im kreativen Schaffen. Unendliche Metamorphosen an Harmonien und Klängen erschließen sich. „Wie Caravaggio emanzipiert er die Seele, lässt sich auf das Düstere, das Gefühlsleben ein. Die Empfindsamkeit als Gegenpol zum Rationalismus der Aufklärung öffnet sich der Welt des Gefühls, der Pietät, des aufgewühlten produktiven Seelenlebens“, bringt die Pianistin das Wesen der neuen Strömung in ihrer eigenen Wahrnehmung auf den Punkt. C.P.E. Bach war ja nicht nur der wichtigste Wegbereiter der Wiener Klassik, er war ,Lehrmeister‘ von Beethoven, Haydn und Mozart, sondern auch Musiktheoretiker, der sich in seinem „Versuch über die wahre Art das Clavier zu spielen“ aus dem Jahr 1753 intensiv mit seiner musikalischen Praxis und idZ u.a. mit den Begriffen „Rubato, Legato, Tremolo“ auseinandersetzt. 

 

Shani Diluka tritt mit dem klug gewählten Programm den Beweis an, welches Genie C.P.E. Bach und wie groß seine Strahlkraft nicht nur auf unsere Hausgötter Haydn, Mozart und Beethoven war. Der Spruch Mozarts „Er ist der Vater, wir sind die Buben“ ist ja legendär geworden. Leider hat sich diese Weisheit noch nicht bis zu unseren Konzertveranstaltern und Impresarios durchgesprochen. 

 

Mit einer stupenden Musikalität, einer im Dienste von Klangfarben leuchtenden Anschlagspalette, die angenehmerweise Extreme im Forte scheut, und einer klaren Präzision fordert Shani Diluka auf das Schönste all unsere Aufmerksamkeit, eine Epoche akustisch zu erfassen, ihre geheimen Zeichen und Signale zu deuten. Um die Verzahnung C.P.E. Bachs mit Mozart&Co zu verdeutlichen, will ich final noch einmal Shani Diluka zitieren: „Das Wort Empfindsamkeit öffnet sich wie die Muschel der Venus Botticellis, enthüllt uns die ganze Dimension einer Epoche, deren Tragik und stumme (Beethovensche) Revolte in dem Konzert Wq. 23 erstrahlen. Der brillante Benn Glasberg und die aufmerksamen Musiker des Orchestre de Chambre de Paris teilen sie mit mir; ich habe mir die Freiheit genommen, die wichtigsten Kadenzen (in denen sich eine Anspielung auf Mozarts Konzert in d-Moll K. 466 versteckt) als Hommage an die großen Improvisatoren jener Epoche zu komponieren.“

 

Ein Album als Hörschule und genussreiches Ereignis zugleich. Die Aufnahmen entstanden 2018 in der Salle Colonne in Paris und in der Abtei Royaumont.

 

Dr. Ingobert Waltenberger

 

 

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