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CD TABEA ZIMMERMANN (Bratsche), JEAN-GUIHEN QUEYRAS (Cello) und JAVIER PERIANES (Klavier) spielen Kammermusik von Brahms, J. Joachim, Robert und Clara Schumann; harmonia mundi

11.03.2026 | cd

CD TABEA ZIMMERMANN (Bratsche), JEAN-GUIHEN QUEYRAS (Cello) und JAVIER PERIANES (Klavier) spielen Kammermusik von Brahms, J. Joachim, Robert und Clara Schumann; harmonia mundi

Intim amikale Er- und Bekundungen

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Sie spielt die Bratsche mit einem so unverkennbar charaktervollen und unendlich modulationsfähigen Ton, so einzigartig wie einst Maria Callas sang. Das deutsche Bratschenwunder Tabea Zimmermann kann ihr modernes Instrument von Patrick Robin in zarten Kantilenen, und dennoch ausdruckstrunken aus einer erzählerischen Geste heraus verströmen lassen (R. Schumann: drei Romanzen op. 94). Aber auch körniger granuliert seufzen und in seelische Gefilde vordringen, von denen eben nur mit Musik und Klängen und nicht mehr mit Worten berichtet werden kann.

Das passt zum Anspruch des Albums, es Geschichten von Begegnungen und enger beständiger Freundschaft widmen zu wollen. Da geht es einerseits um Johannes Brahms‘ intensive künstlerische Bekanntschaft mit dem Geigenvirtuosen Joseph Joachim und das von letzterem initiierte Aufeinandertreffen von Brahms mit Robert und Clara Schumann. Besonders die tiefe Zuneigung von Brahms zur 14 Jahre älteren Clara half der Pianistin und Komponistin, die letzten schweren Jahre von Robert Schumann in einer psychiatrischen Anstalt in Düsseldorf zu bewältigen. Ihr war nämlich der Zugang zu ihrem Robert während all der Zeit bis auf das bittere Ende untersagt. Brahms fungierte in dieser Misslage als Überbringer vieler Botschaften im kommunikativen Austausch zwischen dem leidgeplagten Ehepaar.

Obwohl im Album das Trio op. 114 von Johannes Brahms in den Mittelpunkt des Aufmachers gerückt ist, bekommt der Hörer zuvor das Scherzo der F.A.E. (=frei aber einsam) Sonate in einem Arrangement von Tabea Zimmermann für Viola und Klavier serviert. Robert Schumann, Johannes Brahms und der Schumann-Schüler Albert Dietrich schufen das Werk gemeinsam, um den Geiger Joseph Joachim zu überraschen und zum gemeinsamen Spiel mit Clara zu bewegen. Das Trio op. 114 schuf Brahms zwar originär für den Soloklarinettisten der Meininger Hofkapelle Richard Mühlfeld, fertigte aber dazu eine Fassung für Bratsche, Cello und Klavier vielleicht aus dem pragmatischen Grund an, damit diese Musik auch ohne Mühlfeld aufgeführt werden konnte.

Die drei romantisch versponnenen Romanzen op. 94 schrieb Robert 1849 noch in Dresden als Weihnachtsgeschenk für Clara. Als Soloinstrumente kommen Oboe, Cello, Violine, Klarinette oder auch die Bratsche in Betracht. Hört man Tabea Zimmermann, möchte man sich gar keine andere Kombination mehr vorstellen.

Genau so fühlt es sich bei den drei Romanzen op. 22 von Clara Schumann an, Joseph Joachim freundschaftlich gewidmet, ebenfalls in einer Bearbeitung von Tabea Zimmermann für Viola und Klavier zu genießen. Gemeinsam mit den sechs Liedern op. 23 zu den letzten Kompositionen von Clara zählend, raunen Geheimnisse aus den instrumentalen Miniaturen. Der letzte König von Hannover, Georg V. und 2. Duke of Cumberland and Teviotdale bezeichnete sie nach einem Konzert von Clara und Joseph als „wundervoll himmlisches Vergnügen“. Vor so großem aristokratischem Lob wollen wir nicht zurückstehen.

Besonders aufregend klingen die hebräischen Melodien für Viola und Klavier op. 9 von Joseph Joachim. Von Gedichten Lord Byrons inspiriert, lässt Tabea Zimmermann im Sostenuto, Grave und Andante Cantabile den Bratschenton mal saftig nach unten schwingen, rau vibrieren oder reibend grimmen. Tatsächlich strotzen diese Melodien vor Energie, chromatischer Finesse, lebendiger Spiellust sowie rhythmisch akzentuierten Wellen. Eine Entdeckung.

Javier Perianes ist Tabea Zimmermann auf seinem Steinway ein behutsam die dominante Bratsche umschmeichelnder Partner, anschlagsnuanciert und ebenso die sehnsüchtige Romantik der Kompositionen perlend umtrippelnd.

Als Abschluss und angekündigter Höhepunkt des Albums erklingt das späte, 1891 in Bad Ischl komponierte Klarinettentrio in a-Moll, op. 114 von Johannes Brahms in der vom Komponisten selbst erstellten Version für Viola, Cello und Klavier. Wie ein Wink aus fernen Zeiten in alle Konturen auflösendes Abendlicht getaucht, wirken diese motivisch verschränkten, sich aus sich selbst „entwickelnden Variationen“ mit ihrer melancholischen, die Kälte der Nacht ahnenden Grundierung ernster als die ersten 45 Minuten des Albums. Nur das Andante grazioso entzückt durch einen ländlich tänzerischen Flirt und im Allegro zeigt Brahms aus seinem unterbrochenen Ruhestand heraus noch einmal das unaufdringliche Temperament und Wetterleuchten seiner Kunst in höchster Noblesse.

Das Trio Zimmermann/Queyras/Perianes geht es dementsprechend zart und behutsam an. Die Dynamik spielt sich in sanft wogenden Pianoabschattierungen ab. Besonders reizvoll ergehen sich die im Halbdunkel parlierenden Stimmen von Cello und Bratsche. Fein durchhört, bietet diese Lesart eine atmosphärisch lohnende Alternative zu den großen Aufnahmen mit Klarinette.

Dr. Ingobert Waltenberger

 

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