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CD SWAN HENNESSY „EN PASSANT“ –Ausgewählte Werke für Klavier solo mit MORITZ ERNST; Perfect Noise

26.11.2020 | cd

CD SWAN HENNESSY „EN PASSANT“ –Ausgewählte Werke für Klavier solo mit MORITZ ERNST; Perfect Noise

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Ein Amerikaner irischer Abstammung, der sieben Jahre lang in einer englischen Klasse an der Stuttgarter Musikhochschule bei Percy Goetschius studierte und die entscheidenden künstlerischen Lebensjahre in Paris verbrachte. Ein Klangmaler par excellence, der unermüdlich daran arbeitete, außermusikalische Ideen in Musik zu verwandeln. Ein Adept der Programmmusik war dieser Swan Hennessy, der sich nach dem Ersten Weltkrieg einem (sich besser verkaufenden) musikalisch irischen Keltizismus verschrieben hat.

Buchautor Axel Klein („Bird of Time. The Music of Swan Hennessy“ Mainz Schott Music 2019), hält in Kurzfassung folgendes fest: „Seine Musik fängt den flüchtigen Eindruck auf, bewegt sich in der Natur, porträtiert Menschen, imitiert die Geräusche von Industrie und Verkehr – und dies handwerklich gekonnt, kreativ, originell und nicht zuletzt mit einer guten Portion Humor.“

Der deutsche Pianist Moritz Ernst konzentriert sich in seiner Auswahl vor allem auf vor dem Krieg entstandene impressionistische Kompositionen. Nur der kleine Zyklus „Banlieue“ Op. 69 und „Á la manière de…“, wo er Borodin, Chabrier, Debussy, Godard und Ravel parodierend auf die Schaufel nimmt, stammen aus der zweiten Hälfte der Zwanziger Jahre. Drei „Pièces celtiques“ illustrieren die Befassung Hennessy‘s mit irischer Folklore.

In den autobiographisch gefärbten „Croquis de femmes“ Op. 33 hören wir choralsingende Mädchen in einer Klosterschule vor der Klangkulisse läutender Kirchenglocken, folgen akustisch einer Gruppe durcheinander plaudernder Frauen, gefolgt von jungen Engländerinnen. Plakativerweise fehlen auch der orientalische Vamp und eine Charmeuse nicht. In der Welturaufführung von „Au bord de la fôret“ Op. 21 lädt uns der Komponist zu einem Spaziergang durch einen Wald, Eichhörnchengekrabble und Vogelgezwitscher inklusive. In „Fêtes“ lauschen wir sehnsuchtsvoll genau dem, was wir derzeit nicht dürfen, nämlich zwei verschiedenen Feiern aus verschiedenen Epochen. Da wäre einmal ein Dorffest im 18. Jahrhundert mit klassizistisch barockem Einschlag und dann ein Volksfest in einem Pariser Vorort zu Beginn des 20. Jahrhunderts.

„En passant“ (Études d‘après nature) wiederum beschreibt lautmalerisch nach den sehr subjektiven Vorstellungen des Tonsetzers in fünf kurzen Szenen einen Hirtenjungen auf Hochweiden, Weizenfelder im Mondlicht, ein kleines flämisches Dorf an einem Sonntag, schneebedeckte Bergspitzen sowie eine Fiesta während einer Zugfahrt. Letztes Stück könnte aus Sich von Axel Klein als Inspiration zu Arthur Honeggers Orchesterfantasie „Pacific 231 gedient haben.

Walzervariationen à la Ravels „Valses nobles et sentimentales“ finden wir in den sieben „Valses caprices“, einer weiteren (nicht nur) CD-Premiere. Da gibt es neben einem rustikalen, einem abgelenkten, humpelnden und erotischen Walzer auch einen Schurkenwalzer bzw. die Satire eines Walzers nach Max Reger zu entdecken. Nur die Sonatine Op 43 entzieht sich solchen programmatischen Beschreibungen, ist deshalb aber nicht weniger anspruchsvoll zu realisieren.

Moritz Ernst, der sich dankenswerterweise für unbekannte oder vergessene Komponisten einsetzt – so hat er Klavierwerke von Malcolm Arnold, Sonaten von Viktor Ullmann und Norbert von Hannenheim (EDA), Klavierwerke von Arthur Lourié (Capriccio, 2016) und René Wohlhauser (NEOS, 2015) eingespielt – bietet uns mit dieser Einspielung ein großartiges Panorama eines vollkommen vergessenen Komponisten. In den Grenzregionen zwischen amerikanisch-irischem, deutschem und französischem Kolorit offenbarten sich originelle und humorvolle musikalische Skizzen und Sketches. Gut gespielt mit einer gehörigen Portion an Klangmalerei, Witz und Charme. Empfehlung!

Dr. Ingobert Waltenberger

 

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