Ungarische Wurzeln, erzählt mit klarer Hand und vielerlei Farben

Was ist eigentlich „ungarisch“ in der klassischen Musik? Die Frage ist alles andere als einfach, und genau darum kreist das neue Soloalbum der französisch-ungarischen Pianistin Suzana Bartal. Nach ihrer vielbeachteten ersten Konzertaufnahme für Channel Classics wendet sie sich nun ihren ungarischen Wurzeln zu – mit einem Programm, das drei sehr unterschiedliche Antworten auf diese Frage nebeneinanderstellt: Liszts romantisch-virtuose Zigeunerfaszination, Bartóks radikale Hinwendung zur bäuerlichen Volksmusik und Ernő Dohnányis spätromantische, dennoch volksmusikalisch gefärbte Ruralia Hungarica.
Bartal, die seit ihrem Gewinn der New York Concert Artists Concerto Competition 2013 international gefragt ist, bringt dafür die ideale biografische und künstlerische Voraussetzung mit. Geboren und ausgebildet zwischen Frankreich und Ungarn, verfügt sie über eine beeindruckende Konzertkarriere: Auftritte in der Philharmonie de Paris, dem Concertgebouw Amsterdam, dem Großen Saal der Liszt-Akademie in Budapest, der Symphony Hall Birmingham oder dem Beethoven-Haus Bonn gehören ebenso dazu wie Engagements beim Osterfestival Aix-en-Provence oder den Rencontres Musicales d’Évian. Ihre Gesamteinspielung von Liszts Années de pèlerinage (Naïve, 2020) wurde international hoch gelobt, ihre Kammermusikaufnahme mit Werken von Eric Tanguy erhielt den Diapason d’Or 2022, und ihre jüngste Konzert-CD mit Grieg und Saint-Saëns wurde bei Native DSD Music zum „Album of the Year“ gekürt. Als Solistin und Kammermusikerin (unter anderem mit Patricia Kopatchinskaja) verbindet sie technische Souveränität mit einer ausgeprägten erzählerischen Kraft – genau die Mischung, die dieses Programm braucht.
Den größten Raum nimmt Ernő Dohnányis Ruralia Hungarica op. 32c von 1923 ein – ein Werk, das immer noch viel zu selten zu hören ist. Dohnányis Sprache bleibt im Kern spätromantisch, doch greift er hier gezielt auf Volksmelodien zurück, die sich auch in den Sammlungen von Bartók und Kodály finden. Bartal spielt den Zyklus mit großer Farbigkeit und natürlichem Klangbild. Das eröffnende Allegretto ist zart und voller Anmut, das Presto orchestral und fest im Griff, klar strukturiert. Das lange Andante poco moto, rubato entfaltet feinen Gesang und sanfte Artikulation – hier hört die Pianistin förmlich hinein. Im Vivace macht die linke Hand Jagd auf die rechte, die sie auslacht: spannend und voller Witz. Das Allegro grazioso ist lieblich und doch hintergründig, das Adagio non troppo mystisch und schillernd, das abschließende Molto vivace licht und stark. Dohnányi zaubert wunderbare Musik voller Farben – und Bartal lässt sie atmen.
Bartóks 15 Hungarian Peasant Songs Sz. 71 bilden den kompositorischen Gegenpol. Hier wird Volksmusik nicht als Exotik behandelt, sondern als eigentliche Grundlage des Denkens. Die vier alten Weisen im parlando-rubato-Charakter werden von Bartal wellenartig, stufenartig und mit klarer Tongebung gestaltet. Das Scherzo wirkt skurril, die Ballade kontrastreich und emotional zentral. Die alten Tanzmelodien sind dynamisch, leichtfüßig, keck, elegisch und schließlich kraftvoll und energisch. Bartal trifft den ironischen Unterton ebenso wie die archaische Härte und die tänzerische Direktheit.
Den Abschluss bilden zwei Ungarische Rhapsodien von Liszt. Die Nr. 5 (Héroïde-élégiaque) klingt düster und lastend, getragen vom Charakter eines Trauermarschs, der sich in eine lyrische Fantasie öffnet. Die Nr. 6 zeigt die Spielweise der Zigeunerkapellen direkter: gebrochene Akkorde, cimbalomartige Verzierungen, plötzliche Tempowechsel. Bartal gestaltet sie mit klarem Ziel und starker Hand, ohne in bloßes Virtuosentum abzugleiten.
Über das gesamte Album hinweg spielt Suzana Bartal kontrastreich, dynamisch ausgewogen und mit erzählerischer Stärke. Der Klang ist natürlich, die Farben bunt, die Form stets im Blick. Sie stellt die drei Komponisten nicht gegeneinander, sondern lässt die unterschiedlichen Vorstellungen von „ungarischer“ Musik nebeneinanderstehen: Liszts romantische Stilisierung, Bartóks ethnografische Radikalität und Dohnányis spätromantische Synthese. Das Ergebnis ist keine nationalistische Aussage, sondern eine kluge, sinnliche und sehr persönliche Erkundung. Ein bunter Farbenstrauß – und ein überzeugendes Plädoyer für ein Repertoire, das weit mehr Aufmerksamkeit verdient.
Dirk Schauß, im Oktober 2026
Suzana Bartal – Ruralia Hungarica
Channel Classics, CCS49426
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