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CD: STRANGER SAINTON Dmitry Smirnov, Violine Kammerorchester Basel, Victor Jacob, musikalische Leitung Fuga Libera, FUG874

17.09.2026 | cd

CD: STRANGER SAINTON Dmitry Smirnov, Violine Kammerorchester Basel, Victor Jacob, musikalische Leitung Fuga Libera, FUG874

Geigenbogen trifft Epochengeist

straimger

Was für ein Beginn! Tatsächlich sind nur Schritte zu hören. Jemand betritt den Raum, kommt näher, die Violine erklingt und läuft durch den Raum. Dmitry Smirnov führt uns mit Prosper Saintons winziger Rêverie schwebend, suchend, beiläufig in sein Klangreich. Man sitzt nicht vor den Lautsprechern, man steht plötzlich mittendrin. Die neue Veröffentlichung des Labels Fuga Libera erweist sich augenblicklich als veritables Abenteuer. Hinter der vermeintlichen Reminiszenz an den französischen Geiger Prosper Sainton verbirgt sich eine dramaturgisch scharf durchdachte Expedition. Im Zentrum steht eine Violine aus der Werkstatt von Bartolomeo Giuseppe Guarneri del Gesù aus dem Jahr 1744. Ein solch historisches Prachtstück birgt stets die Gefahr, dass die Instrumentenmagie das musikalische Eigentliche überlagert. Smirnov, das Kammerorchester Basel und der Dirigent Victor Jacob erliegen dieser Versuchung an keiner Stelle.

Was folgt, ist keine Eitelkeit, sondern ein dynamisches Beziehungsdrama zwischen Soloinstrument und Kollektiv. Saintons eigenes Thème italien varié op. 10 gibt sich zunächst kraftvoll, beinahe hemdsärmelig im Orchestersatz, ehe die Violine mit schmalem, messerscharfem Ton dazwischentritt. Smirnov verzichtet auf süßlichen Schmelz.  In den tiefen Lagen knurrt das Instrument dunkel und gefährlich, in den Höhen blüht es auf, ohne in sterile Perfektion abzugleiten. Das ist Belcanto mit Kanten. Es knirscht. Das tut der Musik gut.

Niccolò Paganinis I palpiti-Variationen geraten folgerichtig keineswegs zur reinen Zirkusnummer. Wo andere Geigervirtuosen die Passagen mechanisch abspulen, lässt Smirnov den Phrasen Zeit zum Atmen. Nach der prunkvollen Einleitung durch das Basler Ensemble entfaltet sich ein kapriziöses Spiel, das von feiner Ironie durchzogen ist. Man sieht die Manege vor sich, riecht das Sägemehl der Manierismen des neunzehnten Jahrhunderts und freut sich an der Trockenheit, mit der Jacob das Orchester parieren lässt. Hier wird nicht protzig aufgetrumpft, hier wird mit wachem Verstand parodiert und zugleich mit Höchstgeschwindigkeit artistische Präzision exerziert. Der Solist weiß genau, wann er den Bogen springen lassen muss.

Ganz anders Hector Berlioz’ Rêverie et caprice. Dieses selten zu hörende Kabinettstück gerät unter Smirnovs Händen zu einer intim geschriebenen Gesangsszene. Das Kammerorchester Basel grundiert diesen Belcanto-Dialog mit einer Transparenz, die jede Nebenstimme wie durch ein Brennglas hörbar macht. Man spürt das Beziehungsgeflecht jener Pariser Jahre, in denen Sainton als junger Mann den Ästhetik-Debatten lauschte. Der Ton schwingt friedvoll. Es ist eine leise Schönheit, die sich da im Raum ausbreitet.

Der wahre Clou dieser Einspielung liegt jedoch in der Entscheidung, ausgerechnet Richard Strauss’ Orchestersuite aus dem Bürger als Edelmann op. 60 in das Zentrum zu rücken. Es ist ein kalkulierter Bruch mit der reinen Solisten-Perspektive. Das Instrument verlässt seine Podestrolle, ordnet sich ein, schlüpft in die Rolle des Primus inter pares und überlässt den Mitstreitern die Bühne. Strauss’ satirische Farce über die Eitelkeiten des Aufsteigers Molière’scher Prägung gerät hier zu einem Fest der Farben. Die Ouvertüre zum ersten Aufzug startet keck, leichtfüßig, schlank, ohne jedes sinfonische Fett. Victor Jacob am Pult wählt zügige, aber nie gehetzte Tempi. Er verweigert dem Werk das gern gewählte plüschige Biedermeier-Gewand und legt stattdessen das nervöse, modernistische Skelett der Partitur frei.

Im Menuett regiert augenzwinkernder Vortrag. Im Fechtmeister zeigt das Kammerorchester Basel dann, wie viel humoristisches Gift in korrekter Artikulation stecken kann. Aufgeblasen und eitel kommt hier der Fechtmeister wie ein Divo daher, der Bläsersatz stolziert aufgetakelt über die Bretter, eine Karikatur in Tönen, die punktgenau sitzt. Der Auftritt und Tanz der Schneider sirrt vor umtriebiger Betriebsamkeit der Handwerker, ehe im Menuett des Lully eine fast andächtige Stille einkehrt. Das Oboensolo blüht in unaufdringlicher Schönheit auf, während die Guarneri-Geige im Hintergrund leise, aber bestimmend mit kommentiert. Die Courante bringt höfische Eleganz, der Auftritt des Cléonte leise Poesie. Im Vorspiel zum zweiten Aufzug entspinnt sich eine delikate Tändelei zwischen Streichern und Holzbläsern.

Das Diner schlussendlich gerät zum fulminanten Fest. Die Farben leuchten prachtvoll. Die Holzbläser tändeln mit den Streichern, das Schlagwerk setzt trockene Akzente, und man meint das Klappern der Teller im Hause Jourdain direkt vor sich zu hören. Es ist ein hochkomplexes Vergnügen, das in seiner Beweglichkeit zeigt, wie weit sich das Basler Ensemble von träger Orchesterroutine entfernt hat. Hier wird nicht einfach nur Notenmaterial exekutiert, hier wird Theater gespielt.

Hier wird deutlich, wie gut der Klang dieses Albums geraten ist. Kein Instrument wird künstlich nach vorne geschoben, die räumliche Schichtung wirkt vollkommen natürlich. Man hört die Luft zwischen den Stühlen. Die Balance zwischen den einzelnen Fraktionen des Orchesters stimmt bis ins kleinste Detail, was gerade bei Strauss‘ filigraner Partitur von unschätzbarem Wert ist. Wer nun glaubt, die Aufnahme entließe den Hörer mit diesem orchestralen Kehraus in die Nacht, wird eines Besserem belehrt. Als Epilog folgt Gioachino Rossinis Andante con variazioni über ein Thema aus Tancredi. Kein Orchester mehr, kein Lärm, zurück in die Kammermusik. Nur noch die Guarneri-Violine und eine Harfe. Nach dem virtuosen Exzess des Strauss’schen Diners bedeutet dieser Wechsel einen ästhetischen Kontrast im besten Sinne. Es ist ein leiser, privater Abschied. Das Duo entfaltet eine schlichte, unangestrengte Eleganz, die ohne jeden virtuosen Zauberzaun auskommt.

Dmitry Smirnov beweist mit dieser Veröffentlichung, dass er zu den eigenwilligsten Geigern seiner Generation gehört. Er besitzt nicht nur die Technik, um Paganinis Kapriolen mühelos zu meistern, sondern auch den Intellekt, um ein solch verschachteltes historisches Programm zusammenzuhalten. Seine Haltung ist nie demonstrativ, sondern stets von einer unaufgeregten Werktreue getragen, die Raum für Subtilitäten lässt. Dass das Kammerorchester Basel unter Victor Jacob dabei nicht als bloßer Begleiter fungiert, sondern als ebenbürtiger Partner agiert, macht den besonderen Reiz dieser Einspielung aus. Eine CD voller Kurzweil, die durch dramaturgischen Mut, klangliche Differenzierung und erstklassiges Handwerk besticht. Man hört sie nicht einfach ab, man durchmisst sie wie ein gut ausgestattetes Kuriositätenkabinett. Smirnov spielt ganz verbunden mit der Musik, das Orchester sekundiert stark und impulsgebend, Victor Jacob leistet Vorzügliches am Pult. Eine prachtvolle Scheibe.

Dirk Schauß, im September 2026

STRANGER SAINTON

Dmitry Smirnov, Violine

Kammerorchester Basel,

Victor Jacob, musikalische Leitung

Fuga Libera, FUG874

 

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