CD STEVE REICH STREICHQUARTETTE, MIVOS QUARTET; Deutsche Grammophon
Lebenstraumata als Auslöser klanglicher Abstraktion – Erstmals alle drei „Streichquartette“ als Trilogie auf einem Album vereint

Zwischen 1988 und 2010 komponierte Steve Reich drei Streichquartette – „Different Trains“, „Triple Quartet“ und „WTC 9/11“. Die vier Künstler des Quartetts schufen die wahrlich atemberaubenden Aufnahmen dieses vornehmlich aus Schmerz destillierten Dranges nach musikalischer Wahrhaftigkeit als monumentale Klage in enger Zusammenarbeit mit dem 86-jährigen Komponisten.
In dem das Album eröffnenden „WTC 9/11“ geht es um nichts Geringeres als um die Verarbeitung persönlicher Beobachtungen und Emotionen infolge der Erfahrungen der Terroranschläge auf das New Yorker World Trade Centre samt dem Einsturz und dem Tod vieler an jenem verhängnisvollen 11. September 2001. Damals gab es vier koordinierte Flugzeugentführungen mit Selbstmordattentaten auf zivile und militärische Gebäude in den USA. 2998 Menschen starben in den Twin Towers, im Pentagon und in den vier entführten Flugzeugen. Bis heute leiden Hunderttausende unter den Folgen der Anschläge.
„It’s chaos“: Immer wieder ist die repetitiv ostinate Musik, die in knappen Umläufen variiert, und mit gezähmter Wut zu wühlen und zu rufen scheint, von echoräumig eingeflochtenen Stimmen unterbrochen, die von Flugpersonal, Feuerwehrmännern, Notrufenden oder Beobachtern stammen. Im dritten Satz sind hebräische Psalmen verarbeitet. Die vor Intensität berstende Musik ist tonal, rhythmisch klar strukturiert und schneidend akzentuiert. Aus ihr erhebt sich in seltsamer Schönheit das große Lied vom grenzenlosen Leid und der Unfassbarkeit über die Folgen vom Menschen selbst herbeigeführter Katastrophen. Steve Reich hat mit diesem viertelstündigen Werk ein Monument der US-amerikanischen Musikgeschichte geschaffen.
Auch im „Triple Quartet“ ist der Kompositionsstil, der nie daran dachte, sich am Genre des Streichquartetts zu versuchen, aus der Charakteristik der Minimal Music entstanden. Reich behandelt das Quartett so, als ob es ein einziges Instrument bildete. Inspiriert vom Herzschlag-Pulsieren im letzten Satz des vierten Streichquartetts von Béla Bartók, schlägt dieses Techno Musik nicht unähnliche Streichquartett ein neues Kapitel der Kammermusik auf.
In „Different Trains“ imitiert Reich klangmalerisch das persönlich erlebte Rattern und Pfeifen des Zuges in den frühen 1940-er Jahren auf der Fahrt von New York nach Kalifornien. Wie später in „WTC 9/11“ setzt der Komponist Stimmen als Ausdrucksmittel ein. Reich schrieb das faszinierende Werk 1988 für das Kronos Quartett. Das Stück besteht aus den drei Sätzen ‚America before the war‘, ‚Europe during the war‘ und ‚After the war‘. Die typischen mechanischen Geräusche von Dampflokomotiven als Metapher für das Ferngleiten privater Sorgen (der Zugfahrt im ersten Satz ging die Scheidung seiner Eltern voraus) oder für die Angst von todesgeweihten Juden, Homosexuellen und anderen Verfolgten während der Eisenbahnfahrt in Nazi-Vernichtungslager sind klanglich als erschütternde Schicksalsgesänge geformt. Im Vergleich mit den Aufnahmen des Kronos Quartetts scheint der klangliche Kosmos des Mivos Quartetts temporeicher und geschärfter. Natürlich ist auch der Mixsound ein anderer.
Das Mivos Quartet ist ein mitreißender Anwalt dieser genialen Musik. Die Wucht der Rhythmen und der glühende Drive der Musik sind intensiver nicht denkbar. Das Ensemble hat die drei Quartette zuerst im Februar 2016 im Jüdischen Museum in New York gespielt und oftmals danach. Das Meditative und das erregt Aufwühlende der durch die Autorisierung des Komponisten wohl als authentisch zu bezeichnenden Interpretation bilden ein einzigartiges Amalgam. Anhören!
Dr. Ingobert Waltenberger

