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CD: STÉPHANIE D‘OUSTRAC: PORTRAITS DE LA FOLIE – Ensemble Amarillis, Héloïse Gaillard

22.06.2020 | cd

CD: STÉPHANIE D‘OUSTRAC: PORTRAITS DE LA FOLIE – Ensemble Amarillis, Héloïse Gaillard

Portraits de la Folie | HIGHRESAUDIO

Das Ensemble Amarillis unter sein Gründerin und künstlerischen Leiterin Héloïse Gaillard und die französische Mezzo-Sopranistin Stéphanie d‘Oustrac nehmen den Hörer mit auf eine Erkundung der Torheit (frz. la folie, ital. la follia) in all ihren Facetten. Als emblematische Figur des Barocken Zeitalters ist die Torheit als Charakter mit zahlreichen Facetten charakterisiert und nie ohne die Liebe zu denken. In der vierzehnten Fabel im zwölften Buch der Fabelsammlung Fables Choisies drückt Jean de La Fontaine dies nahezu ideal aus: Die Torheit und die Liebe spielten einst zusammen. Dabei kam es zum Streit und die Torheit schlug der Liebe so heftig ins Gesicht, dass sie das Augenlicht verlor. Die Götter und die Richter der Unterwelt hielten Gericht und verurteilten die Torheit für ewige Zeiten die Führerin des blinden Amors zu sein.

Erste Station ist die Sinfonia der opéra-comique „Der lächerliche Printz Jodelet“ (1726) Reinhard Keiser (1674-1739). Hier zitiert Keiser die „Folies d’Espagne“, einen feurig-rasanten, iberischen Tanzrhythmus. In „Accourez hâtez-vous“ (Air de la Folie) aus „Les Fêtes vénitiennes“, einer opéra-ballet (1710) von André Campra (1660-1744), tritt die Torheit als Verführerin auf. In den folgenden drei Arien, „Ne cesse point de m’enflammer“ und „Aussitôt le bruit du tonnerre & Est-il un destin plus heureux“ aus „Sémélé“ (1719) von André Cardinal Destouches (b. 1672-1749) und „Descendez cher amant“ aus „Sémélé“ (1709) von Marin Marais (1656-1728), muss sich die Torheit den Freuden der Liebe geschlagen geben. Johann David Heinichens (1683-1729) Concerto a 7 in G-Dur (um 1730) lockert die Abfolge der Arien auf. In „From silent shades“ aus „Choice Ayres and Songs“ (1683) schildert Henry Purcell (1659-1695) den Schmerz einer Liebenden, die ihren Geliebten verloren hat und daher in den Wahnsinn abgleitet. In „From Rosy bow’rs“ aus dem kurz vor Purcells Tod entstandenen „Don Quixote „ kreisen die Gedanken des Komponisten im Sinne eines musikalischen Testaments um den Tod. Georg Friedrich Händel (1685-1759)stellt in der Kantate „Ah! crudel nel pianto mio“ HWV 78 zur Diskussion, dass das Leid der Liebenden auch quell der Hoffnung sein kann. Zur Auflockerung erklingt dann das Caprice aus der Suite Nr. 5 e-Moll (1692) von Marais. In der abschliessenden Gavotte en rondeau & „Souffrez que l’Amour vous lie“ aus der Opéra comique „Le Carnaval et la Folie“ beklagt sich die Torheit über die Undankbarkeit des Menschen, sein Unvermögen die Freuden der Liebe anzunehmen.

Das Ensemble Amarillis fasziniert mit einem enorm direkten und ausserordentlich farbigen Klang, der sofort gefangen nimmt. Stéphanie d’Oustrac bestätigt den positiven Eindruck ihrer Zürcher Auftritte auf ganzer Linie: ihre Interpretation lässt keine Wünsche offen.

Eine ausgesprochen gehaltvolle Aufnahme, die erarbeitet werden will.

22.06.2020, Jan Krobot/Zürich

 

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