Reinhard Goebel poliert die bayerische Klassik auf Hochglanz

Wer glaubt, im Werkverzeichnis Wolfgang Amadeus Mozarts gäbe es keine Überraschungen mehr, der hat die Rechnung ohne Reinhard Goebel gemacht. Der unermüdliche Forscher und Pionier der historisch informierten Aufführungspraxis, der einst mit der Musica Antiqua Köln Hörgewohnheiten erschütterte und später am Salzburger Mozarteum lehrte, präsentiert hier ein musikalisches Fundstück, das eigentlich jeder kennt – und doch niemand in dieser Form.
Es handelt sich um die berühmte „Gran Partita“ KV 361, jenes monumentale Bläserwerk, das hier in einem orchestralen Gewand erscheint. Franz Gleißner, ein Münchner Zeitgenosse Mozarts, fertigte um 1800 eine Bearbeitung als Sinfonia Concertante für klassisches Orchester an. Was Skeptiker als bloßen Abklatsch abtun könnten, erweist sich unter Goebels Leitung als klangliche Offenbarung, die dem Münchner Rundfunkorchester wie angegossen sitzt.
Die Aufnahme besticht durch eine beeindruckende Unmittelbarkeit, die den Hörer mitten ins Geschehen versetzt. Der Klang ist von einer Transparenz, die jedes Detail der Gleißner-Partitur offenlegt – man hört förmlich das Atmen der Instrumente. Das Menuett kommt herrlich akzentuiert und mit einem Puls daher, dem man sich kaum entziehen kann. Hier wird nicht Partitur verwaltet, hier wird Musik gelebt.
Im weiten Adagio entspinnt sich ein inniger Dialog zwischen Klarinette und Orchester, ein Geben und Nehmen auf Augenhöhe, frei von jeder philologischen Trockenheit. In der Romanze dürfen die Orchestersolisten glänzen: das geschmeidige Horn ebenso wie die charakterstarken Holzbläser – jeder Beitrag fügt sich nahtlos ins homogene Gesamtbild. Den krönenden Abschluss bildet das finale Allegro, ein mitreißender Kehraus, den die Klarinetten mit inniger Freude anstoßen.
Goebel selbst bricht in den Begleittexten eine Lanze für die Kunst der Bearbeitung. Zu Recht fragt er, wie öde die Musikwelt ohne solche Adaptionen wäre. In einer Zeit, die das Originalgenie oft über alles stellt, erinnert diese Einspielung daran, dass Musik im 18. und frühen 19. Jahrhundert ein lebendiger, wandlungsfähiger Organismus war. Die Gleißner-Fassung verwandelt das reine Bläserstück in ein farbenprächtiges Orchesterwerk und lässt Mozarts melodische Erfindungskraft in neuem Licht erstrahlen. Das Münchner Rundfunkorchester erweist sich dabei als stilistisch versierter und spielfreudiger Partner, der Goebels historisch informierten Zugriff mit moderner Frische verbindet.
Ergänzt wird das Programm durch Christian Cannabichs Sinfonia Concertante Es-Dur für zwei Violinen. Cannabich, der legendäre Mannheimer Kapellmeister, formte das dortige Orchester zu einem der besten Klangkörper Europas – mit einer Disziplin, die mancherorts militärisch genannt wurde. Mozart war von diesem Ensemble und seinem Leiter tief beeindruckt. Die Solisten Stanko Madić und Eugene Nakamura harmonieren in diesem Werk vortrefflich: ihr Spiel ist filigran, nuancenreich und dennoch voller Kontraste. Mit Freude hört man, wie sich die beiden Violinen die Bälle zuwerfen, umspielen und in den virtuosen Passagen gegenseitig befeuern. Goebel interpretiert das Stück als kompositorischen Höhe- und Endpunkt der Mannheimer Schule, als Werk, das die Möglichkeiten seiner Zeit voll ausschöpft.
Die Aufnahme, die im Rahmen einer Tournee durch bayerische Residenzstädte wie Amberg und Ansbach entstand, ist ein echter Glücksfall für die Diskografie. Goebel liefert ein animiertes, ja elektrisierendes Dirigat, das jeden musealen Staub wegfegt. Er fordert vom Orchester eine Wachheit und Artikulation, die den Hörer von der ersten bis zur letzten Note bei der Stange halten. Nichts wirkt routiniert oder beliebig.
Wer Lust auf eine Entdeckungsreise hat, die vertraute Melodien in einem ungewohnten, aber höchst reizvollen Gewand präsentiert, kommt an dieser CD nicht vorbei. Hier begegnen sich Forscherdrang und höchste Musizierkunst auf Augenhöhe. Die Aufnahme ist kurzweilig, unterhaltsam und klanglich ein reiner Genuss. Goebel beweist einmal mehr, dass er nicht nur ein exzellenter Kenner der Quellen ist, sondern vor allem ein Musiker, der diese Quellen zum Sprudeln zu bringen weiß.
Dirk Schauß, im März 2026
Wolfgang Amadeus Mozart
Sinfonia Concertante B-Dur (Orchesterfassung der “Gran Partita” KV 361, bearbeitet von Franz Gleißner)
Christian Cannabich
Sinfonia Concertante Es-Dur für zwei Violinen und Orchester
Stanko Madić & Eugene Nakamura Violine
Münchner Rundfunkorchester
Reinhard Goebel Dirigent
BR Klassik, Katalog Nummer: 900358

