CD: Sophie Dervaux mit Fagottkonzerten Vol. 3 von Antonio Vivaldi bei Berlin Classics
Flexibilität des Ausdrucks

Kein anderer Komponist hat sich so viel mit dem Fagott beschäftigt wie Antonio Vivaldi. 37 Solokonzerte schuf er – darunter vermutlich das erste Fagottkonzert überhaupt. Sophie Dervaux, Solo-Fagottistin der Wiener Philharmoniker, eröffnet dieses Vivaldi-Album mit dem Es-Dur-Fagottkonzert RV 483, das ihrer Meinung nach unglaublich viel Energie besitzt. Und dies hört man der gelungenen Aufnahme mit dem La Folia Barockorchester auch an. Die Virtuosität ist hier herausfordernd – bis an die Grenze zum Spielbaren. Halsbrecherische Läufe, ein spektakuläres Tempo, einfühlsam gestaltete tänzerische Melodien wechseln sich klangfarbenreich ab. Kunstvolle Verzierungen lockern das Ganze auf. Das C-Dur-Konzert RV 479 gefällt dann mit reizvollen harmonischen Seitenschritten. Verzierungen, Fermaten und eine überaus lebendige Begleitung betören den Zuhörer mit ungewöhnlichem Ausdruck. Mit verminderter Terz und Sexte wird die Mollvariante beim Fagott angedeutet. Das Orchester verharrt aber trotzdem lang in C-Dur. Dadurch ergeben sich ungewöhnliche Höreindrücke. C-Dur und Moll-Tonarten wechseln sich immer wieder facettenreich ab. Versenkung in tiefes Gefühl fehlt ebenfalls nicht. Das a-Moll-Konzert RV 499 überrascht hier mit seinem ironischen Charakter, der einen seltsamen Zauber besitzt. Im zweiten Satz fällt die Continuo-Stimme des Fagotts auf. Anschließend folgen starke dynamische Kontraste, die aber auch die enorme Bandbreite des rothaarigen Priesters Antonio Vivaldi zeigen. Der „Il Prete Rosso“ genannte Vivaldi zeigt dabei sein ungewöhnliches Gesicht in tausend Schattierungen! Die Besetzung bezeichnet Sophie Dervaux hier übrigens als sehr ungewöhnlich. Vivaldi mache das in keinem anderen Konzert: „Und wir waren uns anfangs nicht sicher, ob er sich vielleicht einen Scherz erlaubt hat.“ Tänzerisch beschwingt kommen dagegen die beiden federleicht musizierten Konzerte in F-Dur RV 489 und g-Moll RV 496 daher. Misterioso-Charakter besitzt ferner das Fagottkonzert in c-Moll RV 480, wo schattenhafte Farben vorherrschen. Das La Folia Barockorchester unter der kompetenten Leitung von Robin Peter Müller glänzt hier in vielen Ausdrucksbereichen und feingliedrigen Nuancen. Das Besondere ist dabei die solistische Achter-Besetzung auf historischen Instrumenten. Natürlich denke sie viel über die Musik nach, meint Sophie Dervaux. Aber am Ende entscheide sie das meiste aus dem Bauch heraus: „Mir geht es darum, die Musik zu fühlen. Und das wird einfach nicht langweilig.“ Sie hat sich vor drei Jahren auf die Reise begeben, alle diese Konzerte einzuspielen. Und mit diesem Album hat sie nun die Hälfte hinter sich gebracht: „Je mehr ich mich mit dieser Musik beschäftige, desto mehr entdecke ich“. Unbedingte Empfehlung!
Alexander Walther

