Online Merker Logo

Die internationale Kulturplattform

CD Sonaten für Klavier und Violine von FAURÉ, DEBUSSY und SZYMANOWSKI – RAFAL BLECHACZ, BOMSORI KIM, Deutsche Grammophon

Sonne und Mond

06.04.2019 | cd

CD Sonaten für Klavier und Violine von FAURÉ, DEBUSSY und SZYMANOWSKI – RAFAL BLECHACZ, BOMSORI KIM, Deutsche Grammophon

Sonne und Mond


Rafal Blechacz
ist einer jener grandiosen polnischen Pianisten der neueren Generation, die mit der Tastatur im Nu einen ganzen Kosmos aus dem Nichts kreieren können, die die Stimmung jedes Stücks mit schlafwandlerisch goldrichtig zugeschnittenem Anschlag sowie einer unnachahmlichen Grazie und Poesie edeln. 2016 ließ Rafal Blechacz seine Pianisten-Laufbahn für ein Jahr ruhen, um an der Universität in Philosophie zu promovieren. In der Doktorarbeit legte er seinen Schwerpunkt auf Aspekte der Metaphysik und der Ästhetik in der Musik. Wie die Klaviervirtuosen und Landsleute Jan Liesicki und Krystian Zimerman fand Blechacz künstlerischen Unterschlupf bei der Deutschen Grammophon.


Die jüngste überaus gelungene Veröffentlichung des renommierten Verlagshauses widmet sich drei Sonaten für Violine und Klavier, nämlich von Gabriel Fauré, Claude Debussy und Karol Szymanowski. Blechacz gab dabei der jungen südkoreanischen Geigerin Bomsori Kim die Gelegenheit, mit ihm gemeinsam in ein Repertoire vorzudringen, das neben subtiler Klangkultur auch emotionale Tiefe, technische Bravour und bisweilen den (ganz) großen Ton verlangt.


Faurés frühe Sonate für Violine und Klavier Nr. 1 in A-Dur, Op. 13
aus dem Jahr 1876 bildet den rauschhaften Start des Albums. Das weitläufige kammermusikalische Meisterwerk durchstreift bislang in der Musikgeschichte unbekanntes Terrain in Form, Eigenart der Modulationen und Rhythmus. Der Erfolg des Stücks war dermaßen, dass man sich in der französischen Musik wieder für die reizvolle Kombination Violine und Klavier zu interessieren begann. Wenn sogar Faurés Lehrer Camille Saint-Saëns mit dem Stück hochzufrieden war, soll das auch für uns gelten.


Rafal Blechacz begeistert auf Anhieb mit seinem bedingungslosen Eintauchen in Faurés improvisatorisch wirkende Klangwandelungen, mit einem fein entwickelten Sensorium für Phrasierung, Betonung, in den Tag geträumte Lyrik und ausuferndes Panorama im Finale. Da will einer heraus aus der Konvention in eine ganz eigene Freiheit, und müsste er sich den Weg mit Gewalt bahnen. Grandios! Bomsori Kim nutzt ihre Chance in weiten Teilen mit Bravour, wenngleich sie im Andante und den lyrischeren Passagen mehr überzeugt, als dort, wo es intensiv und dynamisch in extremis „zur Sache“ geht. Da können nicht alle Höhen frei ausschwingen, so mancher spitzer Ton könnte jedoch auch auf die Aufnahmetechnik zurückzuführen sein. Positiv ist, dass die beiden Künstler an einem Strang ziehen und sich im Laufe des Albums gegenseitig zu Höchstform anstacheln.

Claude Debussys Spätling, die Sonate für Violine und Klavier in g-Moll, ist von weniger hitzigem Blute. In komplexer Dichte mäandern die Themen, die Gefühlsamplitude pendelt in moderat abgeklärterem Schlag. Wieder ist das Klavier Gravitätszentrum in der verschwenderischen Blütenlese melodischer Eingebung, um das der Geigenton seine Bahnen bisweilen verspielt tänzelnd läuft.


Die Sonate des 22-jährigen Karol Szymanowskis in D-moll, Op. 9 aus dem Jahr 1904 ist auf Wunsch Rafal Blechacz‘ eingespielt worden. Die bis in die letzte Verästelung reichende gemeinsame musikalische Atmung und gleichzeitig das sich aufputschend wettstreitende Miteinander zwischen den beiden Instrumentalisten ist hier am griffigsten ausgeprägt. Die untereinander verwandten Themen umranken das Ohr con passione, manchmal einschmeichelnd dolcissimo. Blechacz und Kim singen ihren finalen Canon samt Inversion im kontrapunktisch gestrickten Allegro molto quasi presto nach bester Lust und Laune. Zuvor darf der kühne Pianist die Tasten auch mal staccato drillen, die Violine begleitet die getragenen Rhythmen mit keck gezupftem pizzicato.


Das Album endet mit Chopins Nocturne Nr. 10 in cis-Moll, in einer Bearbeitung für Violine und Klavier von Nathan Milstein, Lento con gran espressione. Ein wunderbar romantischer Abschied nach dieser einmal von Frankreich nach Polen angetretenen musikalischen Zeitreise. Anhören!


Dr. Ingobert Waltenberger

 

Diese Seite drucken