CD „Sonaten für Cello und Duplex Piano“ – DAVID STROMBERG und FLORIAN UHLIG spielen Werke von Emánuel Moór, Ernst von Dohnányi und Richard Strauss; Oehms Classics

Scharfer Paprika für ein grandioses Pionieralbum
Kecskemét ist mir in der Kunst bisher nur von dem flotten Brahmslied „Röslein dreie in der Reihe“, Op. 103/06 in Erinnerung, wo es so volkstümlich heißt: „Schönstes Städtchen in Alföld ist Kecskemét, dort gibt es gar viele Mädchen schmuck und nett…“ Und wenn das Sena Jurinac sang, merkte man sich das fürs Leben. Kecskemét ist nämlich der Geburtsort unseres Helden Emanuel Moór, einem spätromantischen Komponisten, dessen Konzert für zwei Celli & Orchester op.69 David Stromberg mit seinem Kollegen Sebastian Hess, den Nürnberger Symphonikern unter der musikalischen Leitung von Rudolf Piehlmayer für Oehms Classics 2020 einspielte.
Komponist und Erfinder – das wundersame wie tragische Leben des Emanuel Moór: Der Apfel fiel künstlerisch nicht weit vom Stamm. Der Papa war der Kantor und Opernsänger Rafael Moór, der kleine Emanuel lernte Orgel und dann Klavier. Nach Kompositionsstudien in Budapest bei Robert Volkmann, in Wien bei Anton Door und Anton Bruckner ging Moór als Pianist auf Konzertreisen. In England heiratete er Anita Burke. Mit ihr lebte er zwölf Jahre in England feudal auf einem Landsitz, bevor er es ab 1901 in der Schweiz in Lausanne für mehrere Jahre bevorzugte, in Luxushotels zu logieren.
Aber der Lebensweg des Emánuel Moór, so exzentrisch er uns heute erscheinen mag, war dennoch von persönlichen Tragödien gepflastert: Zwei Söhne starben kurz nach der Geburt. Von den beiden Adoptivkindern fiel der Adoptivsohn aus der Familie seiner ersten Frau Anita im Ersten Weltkrieg.
Künstlerisch war Moórs Freundschaft zum katalanischen Cellisten Pablo Casals prägend, in dessen Auftrag er etwa eine Suite für vier Celli schrieb. Moór war ein musikalischer Allrounder, er komponierte fünf Opern, Symphonien, Konzerte, Kammermusik, Lieder und ein Requiem (insgesamt sollen es mehr als 200 Werke werden), interessierte sich aber auch brennend für Instrumentenbau.
Diese Leidenschaft kulminierte in der Erfindung des Duplex Piano, das u.a. von den Marktgiganten Bechstein, Peyel, Steinway und Bösendorfer gebaut wurde. Das Instrument war wie ein Gruß vom Himmel für Moórs zweite Lebensliebe, die Konzertpianisten Winifred Christie, die er nach dem Tod seiner ersten Frau ehelichte. Sie hat den Flügel weltweit in Konzerten u.a. mit den Berliner, den Wiener Philharmonikern und dem Concertgebouw Orkest Amsterdam gespielt und beworben.
Für eine nachhaltige Tradition des Moór-Flügels, einem Klavier mit zwei Manualen unterschiedlicher Länge, hat es aber trotz begeisterter Kommentare etwa des Pianisten Wilhelm Backhaus oder des Dirigenten Bruno Walter nicht gereicht. Der Tod Moórs 1931 und der zweite Weltkrieg standen einer weiteren Verbreitung des Instruments entgegen.
Nun ist es dank des Engagements von David Stromberg und des Pianisten Florian Uhlig erstmals möglich, dieses Duplex-Coupler Grand Pianoforte in all seiner klanglichen Opulenz, die auf Koppelungen der Tastaturen mit Oktavierungen zurückzuführen sind, auf CD zu entdecken. „Emánuel Moór hatte die Vision, das Klavier der Zukunft zu konstruieren“, meint David Stromberg. Um die Musik wieder beleben zu können, hat der Cellist lange gesucht, und wurde im Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg fündig.
Für dieses wohl sensationelle Doppelmanualflügel-Debüt-Album haben sich die beiden Solisten als Weltersteinspielung Moórs Sonate in c-Moll Op. 22 für Cello und Klavier, die Sonate in b-Moll, Op. 8 für Cello und Klavier von Ernst von Dophnányi und die Cellosonate Op. 6 des jungen Richard Strauss ausgesucht.
David Stromberg als Cellist und Initiator des Projekts als auch Florian Uhlig, dessen Einspielung von Robert Schumanns sämtlichen Werken für Klavier (19 CDs, bei Hänssler erschienen) ihm einen vorderen Platz in jedem Goldenen Buch der Klaviermusik sichert, gehen voller Leidenschaft und Verve an die drei Sonaten heran. Die in Brahms ’scher Nachfolge-Manier und doch in expressionistisch, gemäßigt modernem Ton hoch interessante Moór-Sonate ist ein Juwel. Moórs Pratze für das Cello ist sofort an der unverschämten Verschnörkelung der Läufe des Cellosatzes im Allegro maestoso, aber ebenso an den sanglich weit ausschwingenden Kantilenen des Streichinstruments erfahrbar. Das Klavier legt dazu in kantigerer Weise den virtuosen Kontrapart an. Das Adagio zeigt Moór ebenfalls als experimentellen Eigenkopf, einer gewissen Art von Sachlichkeit eher zugeneigt denn jeglicher Sentimentalität. Das Allegro ma non troppo wiederum sprüht vor Energie und Kraft. Cello und Klavier liefern sich ein erstaunliches Florettgefecht um die Vorherrschaft bei den Themen und deren temperamentvolle(re) Verarbeitung
Die Wahl der Sonate von Dohnányi erfolgte auf Basis eines Fotos, auf dem dieser Pianist und Komponist einst ein Konzert in Budapest leitete, an dem Winifred Christie mit einem Duplex-Flügel beteiligt war. Die Musik ist typisch spätromantisch geprägt und kann einen gewissen schrägen Humor, einen Hang zu ironischer Eloquenz nicht verleugnen.
Dass die beiden bestens aufeinander eingespielten Musiker in ihrem akzent- und strukturbetonten, detailgenau die Farbenpracht der Stücke ausschöpfenden Spiel auch was Originäres zum frühen Strauss zu sagen haben, versteht sich von selbst.
Fazit: Eine doppelte Pioniertat. Hoch erfreulich ist das Album aber vor allem musikalisch, sowohl was den Repertoirewert als auch das saftig sinnliche, dennoch markant zupackende konzertierende Miteinander von Stromberg und Uhlig anlangt.
Dr. Ingobert Waltenberger

