CD „SO POÉTIQUE“ – CYRILLE DUBOIS singt französische Mélodies mit Orchesterbegleitung; Alpha
Verliebte dieser Welt aufgepasst: Ein Album zum Steinerweichen romantisch!

„Für all diese Musiker war die Mélodie mit Orchesterbegleitung kein belangloses Genre, sondern ein hochsensibles Experimentierfeld, eine Möglichkeit, neue instrumentale Texturen zu erforschen, die Verbindung zwischen Musik und Poesie zu vertiefen und die Stimme mit einem orchestralen Rahmen zu umgeben, der sie nicht überdeckt, sondern hervorhebt.“ Alexandre Dratwicki
Was für die vertonte deutschsprachige Dicht- und Liedkunst das Orchesterlied, ist im französischen Kulturraum von 1860 bis 1920 die Mélodie mit Orchesterbegleitung. Gegenüber der vom Klavier begleiteten lyrischen Kleinform, ermöglichte die kammermusikalisch begrenzte Begleitung (wenige Streicher, Holzblasinstrumente, Hörner, Harfe, Pauke) träumerisch sanfte, farbenbunte, daunengebettete bzw. opulent exotische Klangerlebnisse.
Begleitet vom fabelhaften Brussel Philharmonic unter der mit einem Meer an Ausdrucksnuancen lockenden musikalischen Leitung von Pierre Dumoussaud singt der hinreißende französische Tenor Cyrille Dubois 24 Mélodies des erweiterten 19. Jahrhunderts von unterschiedlicher Autorenschaft. Die charmanten Kompositionen erstrecken sich von Musikern wie Charles Gounod, Camille Saint-Saens, Benjamin Godard, Jules Massenet, Louis Vierne, Gabriel Fauré, Alfred de Musset, César Franck, Ambroise Thomas bis zu Augusta Holmés.
Für mich persönlich gibt es keine schönere und herzerwärmendere französische Tenorstimme als diejenige von Cyrille Dubois. Dubois verbindet einen sonnigen Ton mit märchenhafter poetischer Emphase und einem stets nobel gehaltenen emotionalen Ausdruck. Er legt in diese Fin de Siècle-Preziosen alle Intimität und subtile Textausdeutung, die so typisch französisch die aufblühende wie langsam verwelkende Liebe in all ihren unendlichen Zwischenstadien besingt.
Vieles ist in diesen oft einfachen Texten nur andeutungsweise artikuliert. Da ist etwa in den von Dubois rezitierten Versen „Lucie“ des Alfred de Musset von den zarten Tönen eines von der jungen Frau gespielten Cembalos die Rede. Den Turteltäubchen in ihren Zwanzigern genügte der Zauber des Augenblicks, das Murmeln eines Flügelschlags, ein Lüftchen, das über das Schilf streicht, für ihr kleines Glück.
Sodann erklingt als reines Instrumentalstück eine Hommage an Alfred de Musset aus „Trois Fragments poétiques“ von Benjamin Godard, dem sich in Track 21 eine weitere orchestrale Miniatur Benjamin Godards zu Ehren von Victor Hugo anschließt.
Man weiß gar nicht, wo man beginnen oder enden soll mit der Schwärmerei. Um die unbekannteren Tonsetzer vor den Vorhang zu bitten: Fernand de la Tombelles „Sonnet d’Estienne de la Boétie“, Théodore Dubois‘ „Pourquoi les oiseaux chantent“, Félicien Davids in zarten Pastelltönen gehaltene „La vengeance des fleurs“ oder César Francks blumenduftende „La Procession“ erlauben dem Interpreten, die reiche Ernte aus dem gut bestellten Feld an hingebungsvollen Stimmungen einzufahren. Vor allem Dubois‘ wunderbare Piani und Pianissimi verströmen dabei einen seltenen Zauber.
Und wieder ist dem Team von Palazzetto Bru Zane für seine minutiöse Editionsarbeit aus oft kaum leserlichen Manuskripten in Privatbesitz zu danken. Sie lüftet Verborgenes, rehabilitiert Unbekanntes und ermutigt nicht zuletzt, das Ohr für geheimere Sehnsüchte und zartere Töne, als wir sie aus der Oper kennen, zu spitzen. Es lohnt sich, zumal Cyrille Dubois mit seinem edlen ténor de grâce in unerhört differenzierter Weise zu jonglieren bzw. sinnstiftend phrasieren vermag wie kaum ein Zweiter und somit sein aus meiner Sicht bislang bestes Album vorlegt. Überzeugen Sie sich selbst!
Dr. Ingobert Waltenberger

