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CD „SINGING IN THE DEAD OF NIGHT“ – EIGHTH BLACKBIRD – fünfteiliger instrumentaler Zyklus der Komponisten David Lang, Michael Gordon und Julia Wolfe; Cedille

04.10.2020 | cd

CD „SINGING IN THE DEAD OF NIGHT“ – EIGHTH BLACKBIRD – fünfteiliger instrumentaler Zyklus der Komponisten David Lang, Michael Gordon und Julia Wolfe; Cedille

 

„Blackbird fly, blackbird fly

Into the light of a dark black night

Blackbird singing in the dead of night

Take these broken wings and learn to fly

All your life

You were only waiting for this moment to arise.“

 

John Lennon, Paul McCartney

 

„Fly Blackbird, Fly“ – Manche werden sich an den Refrain des Beatle-Songs „Blackbird“ mit dem Vers „Singing in the Dead of Night“ erinnern, den Paul McCartney 1968, inspiriert von J.S. Bachs Bourrée in e-Moll aus der Lautensuite BWV 996, aus Anlass der Bürgerrechtsbewegung  für das Album „The Beatles“ komponierte. Unzählige Coverversionen kursieren und verfestigen die musikalische Substanz sowie die aktuell wieder dringlicher gewordene Anti-Diskriminierungs-Message auch Jahrzehnte nach der Entstehung des Lieds. 

 

Julia Wolfe hat diesen Titel für ihren Beitrag zu dem gleichnamigen Projekt, das im Auftrag der verdient mit vier Grammy Awards ausgezeichneten zeitgenössischen „Eighth Blackbirds“ Formation aus Chicago entstanden ist, gewählt. Die mit Lang und Gordon im Kollektiv arbeitende Komponistin ist in ihrem die Mystik des Dunklen schauenden Beitrag die surreale und kreative Stimmung in Nächten mit völliger Stille verbunden, wo man glaubt, als einziger wach zu sein. Dieses Stück ist dank des moderat eingesetzten Klaviers das musikantischste der CD. 

 

Die Musik des Albums insgesamt ist an der Eigenart des Ensembles Eighth Blackbird ausgerichtet. Diese Gruppe, Musical America‘s 2017 Ensemble des Jahres, zeichnet sich dadurch aus, dass sie – stilistisch angelehnt an die Minimal Music – zu dichten, rhythmisch akzentuierten und repetitiven Klangclustern mit vehementer Beteiligung von Schlagzeug, Choreographie, Lichtdesign sowie fallweise Schau- und Puppenspiel in die Performance mit einbezieht. Die Musiker spielen alle hochkonzentriert ohne Noten, was die Bewegung im Raum während der Konzerte erst ermöglicht. An Instrumenten kommen Flöten, Klavier, Metall-Perkussion, Klarinetten, Violinen, Gitarre, Cello, Akkordeon, Harmonika und Sandpapier zum Einsatz. 

 

Der fünfteilige Zyklus besteht aus drei experimentellen Werken, wobei der Beitrag von David Lang „these broken wings“ (Part 1, Part 2 Passacaille, Part 3 learn to fly) wiederum drei Sätze aufweist, die sich nicht ganz kongruent gedacht am Beginn, in der Mitte und zum Schluss des Albums finden. Der letzte Satz soll nicht nur die Amsel zum Flug, sondern und zum Tanzen anregen und uns nach vorwärts schauen lassen, in der Hoffnung, dass die Musiker das Gleiche tun. 

 

Michael Gordon hat seinen Beitrag „the light of the dark“ ganz auf das Instrumentarium von Eighth Blackbird zugeschnitten (u.a. Akkordeon, Gitarre, Schlagzeug). Er stellt sich ein Chaos auf der Bühne vor, was dementsprechend wild, dissonant und geräuschvoll daherkommt, wo die Musiker das erstbeste Instrument ergreifen und darauf zu spielen beginnen. In Heavy-Metal Manier starte das Cello, es entwickelt sich “a kind of out-of-control late-night jam session“ mit metallischen Krachen, ungezügelt virtuosem Treiben auf der Violine und kollidierenden Glissandi. Hier könnte ein Schelm geneigt sein, mit Blackbird eher das amerikanische zweistrahlige Aufklärungsflugzeug, die längst museale Lockheed SR-71 zu assoziieren, als eine zart zwitschernde Amsel. 

 

Das Neue-Musik-Sextett Eighth Blackbirds besteht aus Nathalie Joachim (Flöten), Ken Thompson (Klarinette, Bassklarinette), Matt Albert (Violine, Gitarre), Nick Photinos (Cello, Harmonika), Matthew Duvall (Schlagzeug, Akkordeon) und Lisa Kaplan (Klavier, Akkordeon). Sie realisieren die ungemein anspruchsvollen Partituren bravourös, hoch diszipliniert, mit dichter Energie und dem Mut zum extrem aufheizten polyphonen Getöse und Gekratze, das nicht zuletzt die lärmende Kakophonie und einen permanent im Hintergrund mitschwingenden Notfalls-Unterton in den Großstädten widerspiegelt.  

 

Unter den Förderern des Projekts via jährliche Spenden an „Cedille Chicago“ findet sich auch der Name Ruth Bader Ginsburg, jener 1933 in Brooklyn geborenen, kürzlich einem Krebsleiden erlegenen Kämpferin für die Sache der Frauen. Als Richterin am Supreme Court mit Liebe zur klassischen Musik, war sie eine Ikone, der Modus ihrer Nachbesetzung sorgte für Schlagzeilen.

 

Anmerkung: Wolfe, Lang und Gordon sind auch die Gründer des berühmten New Yorker Kammermusik-Ensembles „Bang on a Can“.

 

Fazit: Sehr faszinierendes, sehr amerikanisches Album. Eher für Neugierige an zeitgenössisch klassischer Musik und Fans von Minimal Music zu empfehlen. Definitiv nichts für ängstlich jede Dissonanz scheuende Musikfreunde und Romantiker. 

 

Dr. Ingobert Waltenberger 

 

 

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