CD: SIMPSON The Seasons, The Monthes & Other Divisions of Time – II Les Lucioles Alpha Classics, Alpha1266

Lucile Boulanger holt den englischen Barockmeister Christopher Simpson aus den Archiven
Das Vermächtnis von Sophie Watillon wog zwei Jahrzehnte lang wie ein unvollendetes Versprechen in den Regalen der Gamben-Aficionados. Damals, als die viel zu früh verstorbene Belgierin den ersten Teil von Christopher Simpsons musikalischem Kalender vorlegte, hinterließ sie eine schmerzliche Lücke und eine halbe Jahreszeit. Lucile Boulanger nimmt nun mit ihrem Ensemble Les Lucioles den Faden auf, schließt die verbliebenen Monate von Juli bis Dezember an und komplettiert den Zyklus mit dem Sommer und dem Herbst. Was auf den ersten Blick wie ein musikalisches Denkmalpflegeprojekt anmuten könnte, entpuppt sich beim ersten Anstreichen als eine kompromisslose Demonstration historischer Spielkultur. Simpson, dieser im Schatten von Purcell oft sträflich vernachlässigte Meister der britischen Restaurationsepoche, forderte seinen Zeitgenossen alles ab. Seine Partituren verlangen den Interpreten eine Geläufigkeit ab, die an den Rand des physisch Machbaren rührt. Boulanger und ihre Mitstreiter nehmen diese Hürde nicht nur mühelos, sie verwandeln das kunstvolle Regelwerk in ein ausbalanciertes Kammerspiel.
Der Juli hebt mit einer erstaunlichen Entspannung an, die keineswegs mit Trägheit zu verwechseln ist. Hier wird nicht hektisch Beiwerk aufgeschichtet, sondern ein weiträumiger Satz ausgefaltet, der dem warmen Grundton der Instrumente genau den Raum lässt, den dieses Repertoire zur Entfaltung braucht. Die Entscheidung, für die oberen Stimmen Diskantgamben nach Renaissance-Vorbildern zu wählen, erweist sich als struktureller Glücksgriff. Kein spitzer Violinton drängt sich in den Vordergrund, um die melancholische Patina der Darmsaiten zu überdecken. Stattdessen entwickelt sich zwischen den drei Streichern ein Diskurs von immenser klanglicher Dichte. Das Ensemble musiziert tatsächlich wie ein einziger Organismus, dessen Atmung von der einfühlsam registrierten Orgel Dominic Gwynns und dem cembalistischen Unterbau Elisabeth Geigers gestützt wird.
Schreitet das Jahr voran, wechselt die Beleuchtung spürbar. Der September und der Oktober bringen jene harmonische Schwere mit sich, die Simpson in seinen späten Jahren mit Vorliebe kultivierte. Wenn Boulanger und Myriam Rignol in den Duetten für zwei Bassgamben die Stimmen ineinander verflechten, wird der Raum eng für bloße Gefälligkeiten. Da begegnen sich Bindungen, aufsteigende Vorschläge und jene komplizierten Doppel-Kadenzen, die den zeitgenössischen französischen Kritikern drüben auf dem Kontinent einst als übertrieben kunstvoll und von mangelndem Geschmack gescholten wurden. Was Paris im 17. Jahrhundert als britische Sonderbarkeit abtat, offenbart hier seine ganze strukturelle Raffinesse. Die Passagen greifen mit Präzision ineinander, die dennoch in jedem Moment organisch wirkt. Aline Blondiau an den Reglern sorgt für ein Klangbild von samtiger Grundierung, das feine Details mühelos offenlegt, ohne die Homogenität des Ganzen zu opfern.
In den mehrsätzigen Abschnitten des Sommers und Herbstes zeigt sich die eigentliche Reife dieser Einspielung. Die einleitenden Fantasien heben mit strenger Kontrapunktik an, ehe sie in die tänzerischen Abschnitte der Ayres und Galliarden übergehen. Hier erlaubt sich das Ensemble eine treibende Agogik, die den formalen Rahmen niemals sprengt, ihm aber eine beachtliche Innenspannung verleiht. Die Galliarde des Sommers kommt mit einer herben Eleganz daher, die jeden höfischen Anflug beiseite fegt. Das ist keine Musizierhaltung, die um die Gunst des Hörers buhlt oder sich in Wohlklang verliert. Boulanger führt ihr Ensemble mit einer klaren, bisweilen unerbittlichen Hand durch die rhythmischen Verästelungen. Der November fordert mit einem solistischen Almain für die hohe Gamben-Stimmung noch einmal die ganze artistische Konzentration heraus, ehe der Dezember das musikalische Jahr mit einer besinnlichen, fast kargen Feierlichkeit beschließt.
Diese Einspielung ist weit mehr als das bloße Nachreichen einer fehlenden Katalognummer. Sie setzt einen Standard für die Interpretation englischer Consort-Musik, der sich an der historischen Praxis schult, ohne in musikwissenschaftliche Trockenheit zu verfallen. Wer Simpson bisher für einen spröden Theoretiker hielt, wird von Les Lucioles eines Besseren belehrt. Das Album fordert Aufmerksamkeit, belohnt den Hörer jedoch mit einer besonderen Farbigkeit.
Dirk Schauß, im September 2025
SIMPSON
The Seasons, The Monthes & Other Divisions of Time – II
Les Lucioles
Alpha Classics, Alpha1266

