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CD „Si vous vouliez un jour…“ AIRS SÉRIEUX ET À BOIRE, Vol. 2, Les Arts Florissants, William Christie – harmonia mundi

Zum 40-jährigen Geburtstag des berühmten frz. Barockensembles „Arts Flo“

07.02.2019 | cd

CD „Si vous vouliez un jour…“ AIRS SÉRIEUX ET À BOIRE, Vol. 2, Les Arts Florissants, William Christie – harmonia mundi

 

Zum 40-jährigen Geburtstag des berühmten frz. Barockensembles „Arts Flo“

 

Wir erinnern uns an die Pioniere der Originalklangbewegung, die ab den Siebziger Jahren die Welt der klassischen Musik als auch auch unsere Hörgewohnheiten nachhaltig verändern sollten. Die Erforschung des instrumentalen und vokalen Schaffens des 17. und 18. Jahrhunderts und dessen Wiederentdeckung für das (alltägliche) Repertoire standen ebenso im Zentrum des Interesses wie die Befassung mit historischen Instrumenten und alten Spieltechniken. Bogenstrich, Verzierungen, Artikulation, Gesangstechnik, alles stand bei der Wiedergabe Alter Musik auf dem Prüfstand. Vieles ist geblieben, unter anderem die Neubelebung der Opern Monteverdis, Rameaus, Lullys oder Händels (nur einige zu nennen) und ihre Anerkennung als Meisterwerke auf den europäischen und amerikanischen Bühnen.

 

Unter den wichtigsten Vorreitern historisch informierter Aufführungen (wie das heute genannt wird) ist Nikolaus Harnoncourt ebenso zu nennen wie William Christie mit seinem 1979 gegründeten Instrumental- und Vokalensemble „Les Arts Florissants“.  Seit 2013 teilt er sich die künstlerische Leitung mit Paul Agnew. Anlass genug für das Label harmonia mundi, das Jubiläum gebührend mit Wiederveröffentlichungen als auch neuen Editionen zu feiern.

 

Auf der vorzustellenden CD setzt William Christie seine musikalische Erkundung mit den  „Airs de Cour“ samt deren Nachfahren fort. Diese für das ‚Grand Siècle‘ so typischen höfischen Hirten- und Liebeslieder trugen wesentlich zur Entstehung der französischsprachigen Oper bei. Bei den ersten Versuchen musikdramatischer Art handelte es sich wohl lediglich um eine Aneinanderreihung dieser Airs, die später durch Rezitative untereinander verbunden wurden.

 

Liebeslieder, Trinklieder, fromme Weisen, die Themenvielfalt spiegelte die literarische Invention und Konversationskunst der Zeit. Ab Mitte des 17. Jahrhunderts lösten die meist für eine Singstimme und basso continuo geschriebenen Strophenlieder ‚Airs sérieux‘ die polyphoneren ‚Airs de cour‘ ab. Komponisten wie Michel Lambert oder Sébastien Le Camus, Favoriten von König und Königin (die über eine eigene Kapelle verfügte), sind auf der CD mit acht Beispielen ihrer amourös nuancierten Kunstgesänge vertreten. Aber auch heute kaum noch bekannte Tonsetzer wie Étienne Moulinié sind auf dem Album präsent. Prominenter dürfte Marc-Antoine Charpentier sein, dessen Präludium zum „Te Deum“ es als Fanfare für Eurovisions TV-Übertragungen zu weltweiter Bekanntheit gebracht hat. Seine mir verwegenen Harmonien gespickte, charmant freche „Petite pastorale, Églogue de Bergers“ oder die italienisch angehauchte Pastorelette „Amor vince ogni cosa“ (Die Liebe besiegt alles) zählen zu den raffiniertesten Schöpfungen französischer Barockmusik.

 

Les Arts Florissants musizieren die unterschiedlich besetzten, rhythmisch so pfiffig akzentuierten kleinen Arien, Duette oder mehrstimmigen Sätze in fein besetzten kammermusikalischer Formationen. Maximal fünf Vokalisten (Emmanuelle de Negri Sopran, Anna Reinhold Mezzo, Reinoud Van MechelenCountertenor, Cyril Auvity Tenor, Lisandro Abadie Bass) und fünf Instrumentalisten (Florence Malgoire Violine, Sue-Ying Koang Violine, Myriam Rignol Viola da Gamba, Thomas Dunford Theorbe, William Christie Cembalo) teilen sich die überwiegend von Amors Pfeilen sanft bis pfeffrig gewürzten lyrischen Ergüsse. Das Miteinander des Ensembles zeugt von stilistisch einzigartiger Authentizität. Die emotional so vielschichtigen Hirten- und Liebeslieder leben vom artikulatorischen Feinschliff und dem Sprachwitz der Interpreten. Trinklied gibt es auf der CD trotz anderslautendem Titel nur ein einziges: Mouliniés „Freunde, berauschen wir uns an spanischem Wein in Frankreich“ dauert gerade einmal 50 Sekunden. Dennoch folgen wir gerne dieser verlockenden Einladung. 

 

Dr. Ingobert Waltenberger

 

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