CD SHOSTAKOVICH: SYMPHONIE Nr. 8, Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks; BR-Klassik
Live-Aufnahme aus der Philharmonie am Gasteig München, 23.9.2006

„Die philosophische Konzeption dieser Symphonie ist in wenigen Worten ausgedrückt: Alles, was dunkel und schändlich ist, wird zugrunde gehen; alles, was schön ist, wird triumphieren.“ Shostakovich
Haitink nahm vor Jahrzehnten einen Zyklus mit allen Shostakovich-Symphonien mit dem Concertgebouw Orchestra Amsterdam und dem London Philharmonic Orchestra für Decca auf, die Achte in c-Moll, Op. 65, wurde im Dezember 1982 eingespielt. Der nun veröffentlichter Live-Mitschnitt aus München, in dem Haitink die Tempi um einige Minuten breiter nimmt, stellt eine exzellente Ergänzung zur Interpretationsentwickung Haitinks und generell in seiner erhabenen Größe eine Bereicherung der Shostakovich-Diskografie dar.
Shostakovich hat in diese Symphonie vordergründig betrachtet seine tiefe Resignation in Anbetracht der Schrecken des „Großen Vaterländischen Kriegs“ (= 2. Weltkrieg), aber auch seine Hoffnung auf und die Sehnsucht nach Frieden in brutalo-bizarre bis sehnsuchtsvolle Klänge gegossen. In eigenen Worten soll er mit dem Werk versucht haben, „die Gefühle der Bevölkerung auszudrücken und die furchtbare Tragödie des Krieges abzubilden.“
Sollte er danach getrachtet haben, seine wahren Beweggründe der Inspiration für die sowjetische Kulturbürokratie zu camouflieren, indem er behauptete, seine Gedanken und Gefühle nach den freudigen Meldungen über die ersten Siege der Roten Armee (Schlacht von Stalingrad im Winter 1942/1943 mit Vernichtung der 6.Armee der Deutschen) ausgedrückt zu haben, so müssen das schon taube Ohren im Ministerium gewesen sein, um darauf hereinzufallen.
Die fünfsätzige Symphony entstand zwischen dem 2. Juli und dem 9. September 1943. Das Stilmittel der Verzerrung der Themen in der Durchführung bei gleichzeitiger Beschleunigung der Tempi unter tobenden Schlagzeug-Crescendi treibt Shostakovich hier auf die Spitze. Vor allem in der aufrasenden Hektik und den scharf akzentuierten ehernen Marschrhythmen könnte man den Eindruck gewinnen, Sprengsätze detonieren, die gesamte Kriegsmaschinerie aufmarschieren zu hören. „Allegretto“ und „Allegro non troppo“ poltern hypnotisierend trompetenschmetternd und trommelwirbelnd dahin. Wir stellen uns dazu einen Soldaten, Menschen aus dem Kriegsgebiet vor, die „der gigantische Hammer des Krieges betäubt hat.“
Man kann diese emotional wahrlich unbequeme Symphonie aber auch als gigantische, den Kosmos anrufende Trauermusik, als „Requiem“ auffassen, um alle „Gequälten, Gepeinigten, Erschossenen und Verhungerten“ einer dunklen Zeit (nicht nur auf den Krieg bezogen, sondern schon Ereignisse zuvor miteingeschlossen) zu beweinen. Das elegische „Largo“ verweist auf wesenlose Erinnerungen an Opfer, ein Gefühl der Hilflosigkeit macht sich breit. Ohne Übergang folgt attacca der Allegretto-Schlusssatz. Ob das Finale ewiges Licht oder einen erzwungenen positiven Ausklang beschwören will, sei dahingestellt. Das stille, ganz und gar nicht triumphale Ende mit grotesken Geigen-Spielchen zuvor spricht eine eigene Sprache, die jeder deuten möge, wie er es empfindet.
Bernard Haitink achtet mit dem Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks streng auf die formalen Strukturen von Toccata bis Passacaglia, Tanz und Marsch. Die Brillanz von Streichern, Holz und Blech stellt er ganz in den Dienst einer kolossal nuancierten Expressivität, ohne programmatisch noch eins draufsetzen zu wollen. Die doppeldeutigen Harlekinaden der Soli im Kontrast zu den machtvollen Orchesterentladungen lässt er in subtiler Schönheit singen.
Der Wirkung dieser Interpretation, die sich nicht in bloß äußerlich brillanter Härte und Lautstärkerekorden oder rhythmischer Süffisanz ergeht, ist über weite Strecken – allen Ecken der Seele bis ins Unterbewusste nachspürend – niederschmetternd und im sanften Ausklang tröstlich zugleich.
Anm.: Das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks wurde 1949 von Eugen Jochum gegründet und feiert 2024 den 75. Geburtstag seines Bestehens. Aus diesem Anlass werden bisher unveröffentlichte Aufnahmen wie diese erstmals auf CD und als Stream zugänglich gemacht.
Dr. Ingobert Waltenberger

