Online Merker Logo

Die internationale Kulturplattform

CD SHOSTAKOVICH „SONGS and ROMANCES“ – MARGARITA GRITSKOVA Mezzosopran, MARIA PRINZ Klavier; Naxos

07.11.2020 | cd

CD SHOSTAKOVICH „SONGS and ROMANCES“ – MARGARITA GRITSKOVA Mezzosopran, MARIA PRINZ Klavier; Naxos

Wilhelm Sinkovicz hat zwar Recht, wenn er in seinem Text zur CD darauf hinweist, dass sich der eigentlich tiefere Gehalt bzw. die biographisch-persönliche oder politische Bedeutung von Shostakovich‘ Vokalkompositionen erst beim zweiten Mal Hinhören erschließt. Solche Verschlüsselungen sind aber auch eine Hypothek für eine unbefangene Begegnung mit dieser Musik, zumal die 20 hier aufgenommenen Lieder, Fabeln, Romanzen und Satiren natürlich auch die bekannt schwierige künstlerische Laufbahn von Shostakovich wiederspiegeln und eine gewaltige Zeitspanne von 1922 bis 1974 umfassen.

Shostakovich vermochte in seiner Kammermusik und seinen Symphonien (vor 75 Jahren, am 3.11.1945 wurde übrigens die Leningrader Symphonie uraufgeführt), kompositorische Meisterschaft (Polyphonie!), Innovation und persönlich russisches Kolorit zu einem faszinierenden Gesamtkunstwerk zusammenzuschweißen. Auch in seinen vollendeten zwei Opern „Lady Macbeth von Mzensk“ und „Die Nase“ gelang es dem russischen Klassik-Allrounder, einen neuen musikalischen Kosmos zu erschaffen, der zwischen einem den Stalinismus entsprechenden Brutalismus und sarkastisch beißendem Humor (von wegen Patriotismus) pendelt. Oft als höhnendes Grimassieren in Klang transponiert, folglich sind auch die Vokalpartien eher spröde angelegt.

Ein sonderliches Faible für lyrisch-Zartes habe ich in Shostakovich Werk nie gespürt. Frei nach der legendären Sigrid Löffler vom Literarischen Quartett ist die Lied-CD daher vielleicht Hörarbeit. Die Stimmungen pendeln trotz u.a. britischen, spanischen, jüdischen und griechischen Vorlagen atmosphärisch eingeschränkt zwischen folkloristisch, melancholisch depressiv oder ironisch. Romantisch ist hier gar nichts.

Die russische Mezzosopranistin Margarita Gritskova, die mit dieser CD bei Naxos bereits ihr drittes Album mit russischen Liedern vorlegt, stets begleitet von der fabelhaften Pianistin Maria Prinz, gelingt es mit ihrem hellen und schlanken Mezzo die nötigen Register zu ziehen, um die Stimmungen der Gesänge adäquat einzufangen. Shostakovich verfremdet das vom kunstunkundigen Regime verlangte Folkloristische und Volksnahe im Sinne eines Zerrspiegels der Wirklichkeit. Mit reinem Schöngesang ist hier also nichts gewonnen. Vielmehr bedarf es einer guten Diktion und Überartikulation, was Gritskova vorbildlich ausreizt. Vom Stimmumfang ist die junge Mezzosopranistin hier nicht sonderlich gefordert, desto mehr überzeugt Gritskova mit einem Farbenrausch in der Mittellage, der aber dennoch nicht verhindern mag, dass sich im Laufe des Albums Monotonie breitmacht. Ausgerechnet das vielleicht ansprechendste Lied („Farewell Granada“) klingt wie bester de Falla. Das Überzeugendste  kommt zum Schluss: Die „Suite auf Verse von Michelangelo Buonarotti“ Op. 145 mit dem Titel „Unsterblichkeit“ fasziniert durch den komplexen Klavierpart, aber auch ein Abheben in einen tröstlich umwölkten Himmel nach dem Tod, wo die Liebe der Überlebenden dem Vergessen entgegenwirkt. 

Dr. Ingobert Waltenberger

 

Diese Seite drucken