CD: SHORENA TSINTSABADZE – BAROQUE BEYOND, From Bach to Rachmaninoff Werke von J. S. Bach, Gluck/Sgambati, Daquin, Couperin, Rameau, Marcello, Scarlatti, Vivaldi/Bach, Bach/Siloti, Händel/Kempff, Rachmaninoff Shorena Tsintsabadze, Klavier (Steinway D-274) ARS Produktion; Aufnahme: Juli 2025, Kulturzentrum Immanuel; Gesamtspielzeit: 74:30

Was haben Bach und Rachmaninoff gemeinsam? Auf den ersten Blick nicht viel. Doch die georgische Pianistin Shorena Tsintsabadze, die am Moskauer Tschaikowsky-Konservatorium bei Sergej Dorensky studiert hat und bislang vor allem mit romantischem Repertoire hervorgetreten ist, verfolgt auf ihrem fünften Album bei ARS Produktion einen Gedanken, der über musikhistorische Zuordnungen hinausweist.
In einem persönlich verfassten Booklet-Essay schlägt Tsintsabadze eine Brücke zwischen der Barockzeit und unserer Gegenwart. Sie beschreibt, wie sich die Kunst vom anonymen „Wir“ der mittelalterlichen Choräle zum „Ich“ der persönlichen Empfindung wandelte – die Geburtsstunde des individuellen Ausdrucks. Diese Perspektive gibt dem Album einen intellektuellen Rahmen, der es von einem konventionellen Barockrecital unterscheidet. Als Konzept ist der Ansatz schlüssig und in der Programmgestaltung konsequent umgesetzt.
Man hört diese Haltung schon in der eröffnenden Air aus Bachs Orchestersuite Nr. 3 D-Dur BWV 1068. Tsintsabadze spielt mit einem warmen, tragfähigen Ton, der das Stück auf dem modernen Flügel atmen lässt, ohne es romantisch zu überfrachten. Es ist vor allem die Agogik, das feine Dehnen und Zurücknehmen der Phrasen, die das formal strenge Gepräge des Barock gleichsam von innen heraus auflösen – ohne es zu verraten. In Glucks Melodie aus „Orfeo“ in der Klavierfassung von Giovanni Sgambati setzt sich dieser gesangliche Ton fort.
Bei Scarlatti zeigt sich eine andere Seite: rhythmisch pointiert, mit federnder Artikulation und fast cembalohaftem Anschlag. Rameaus „Le Rappel des oiseaux“ gelingt als farbige Klangmalerei, und gerade hier zeigt sich, was diese Aufnahme durchgehend auszeichnet: ein ausgeprägtes Gespür für Klangfarben und deren emotionales Potenzial. Tsintsabadze differenziert den Anschlag von Stück zu Stück, zuweilen von Takt zu Takt, und erzeugt so ein bemerkenswert breites Spektrum an Schattierungen. Barockmusik bestehe aus vielen Schichten, schreibt sie im Booklet – einer offensichtlichen und einer verborgenen. Diesem Anspruch wird sie pianistisch in vielfacher Hinsicht gerecht.
Bachs Toccata e-Moll BWV 914 bringt mit ihren kontrastierenden Abschnitten fast orchestrale Dramatik ins Programm, während das Händel-Menuett g-Moll in der Bearbeitung von Wilhelm Kempff den Spätbarock in spätromantisches Licht taucht. Ein Glanzstück ist Bachs Präludium e-Moll aus dem Wohltemperierten Klavier in der Bearbeitung von Alexander Siloti, transponiert nach h-Moll. Siloti hat die fließenden Sechzehntel von der linken in die rechte Hand verlegt, was die Klangfarbe grundlegend verändert. Tsintsabadze kostet diese veränderte Perspektive mit großer Beweglichkeit aus.

Die eigentliche Steigerungskurve entfaltet sich mit den Corelli-Variationen op. 42. Nach den barocken Miniaturen, die wie Mosaiksteine ein Gesamtbild ergeben, wirkt Rachmaninoffs Zyklus wie eine Zusammenfassung all dessen, was zuvor erklungen ist – durch das Prisma eines Spätromantikers, der das alte Thema der „Folia“ aus Corellis Violinsonate op. 5 Nr. 12 mit kompositorischer Meisterschaft durchdringt. Tsintsabadze gestaltet die zwanzig Variationen als großen dramatischen Bogen: von der schlichten Melancholie des Themas über virtuose Ausbrüche bis hin zu einem Schluss furios gebündelter Energie. Barocke Substanz und romantische Leidenschaft, strenges Variationsprinzip und freie emotionale Geste werden hier in beeindruckender Dichte zusammengeführt.
Was diese Aufnahme zu einer lohnenden Entdeckung macht, ist der Eindruck von Zeitlosigkeit, der sich beim Hören einstellt. Die Epochengrenzen lösen sich im Klang auf, weil Tsintsabadze in jedem dieser Werke dasselbe sucht: den Menschen hinter der Musik. Ein Album mit Haltung und klarer künstlerischer Handschrift.
Stefan Pieper

