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CD SERGEY TANIN spielt BRAHMS, SCHUBERT-LISZT und PROKOFIEV; Prospero

02.11.2021 | cd

CD SERGEY TANIN spielt BRAHMS, SCHUBERT-LISZT und PROKOFIEV; Prospero

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Der 26-jährige Tanin stammt aus Jakutien im Fernen Osten, der flächenmäßig größten Föderation Russlands. Es die größte Region der Welt innerhalb eines Staates. Die Fläche ist nur etwas kleiner als Indien bei einer Bevölkerung von knapp einer Million Einwohnern. Da muss einer schon sehr sehr gut sein, damit er tausende Kilometer weiter westlich noch laut und deutlich wahrgenommen wird.

Daher ist es nicht verwunderlich, dass das Schweizer Fernsehen einen Dokumentarfilm über Sergey Tanin mit dem Titel „Der Pianist, der aus der Kälte kam“, gedreht hat. Schon der Trailer zum Film Link https://www.youtube.com/watch?v=ZILRBpfc8LQ ist beeindruckend. Der Film von Helen Stehli Pfister ist eine Langzeitbeobachtung eines Hochbegabten, der zwischen Heimweh nach Sibirien und Wissen um den Wert seiner Ausbildung in der Schweiz seine Künstlerpersönlichkeit aufblühen lässt. Die Ausbildung erhielt der disziplinierte russische Künstler mit dem fantastischen Gedächtnis nämlich am Moskauer Konservatorium und dann an der Musik-Akademie Basel.

Für das im Februar 2021 in Zürich aufgenommene Debütalbum hat Tanin die zehn Klavierstücke Op. 12 von Prokofiev, die Klaviersonate Nr. 1 in C-Dur von Johannes Brahms und sechs Lieder von Franz Schubert (Sei mir gegrüßt, Gretchen am Spinnrad, Aufenthalt, Morgenständchen, Der Doppelgänger und Die Taubenpost), in der Klavierfassung von Franz Liszt, gewählt.

Die Stücke Op. 12 des 15 bis 22-jährigen Prokofjew mit den Bezeichnungen Marsch, Gavotte, Rigaudon, Mazurka, Capriccio, Legenda, Prélude, Allemande, Humorous Scherzo und Scherzo zeigen den aufstrebenden Pianisten und Komponisten im Gewande des jungen Wilden, bei dem die markantesten Charakteristika des Reifestils, ausgelöst durch Avantgarde-Bewegungen wie Futurismus und Suprematismus, schon im Kern ausgeprägt waren. Wolfgang Rathert beschreibt sie als Verbindung aus melodischer Prägnanz, rhythmischer Härte und einer überaus farbenreichen, zwischen Naivität, Ironie und Pathos wechselnden Harmonik. Hier schwimmt Tanin wie der sprichwörtliche Fisch im Wasser spielerisch durch alle Stromschnellen der stilistisch wie vom pianistischen Anspruch her so divergierenden Miniaturen. Wie sternschnuppenspritzig perlen da die Töne im Prélude, wie deftig stampfen die Akkorde in der Allemande durch Hain und Flur. 

Überwiegt bei Prokofiev grundsätzlich ein verspielt ironisierender Ansatz, so zeigt uns Tanin schon im Allegro der ersten Klaviersonate von Johannes Brahms, dass ihm die irisierende Oberfläche des Ziffernblatts nicht minder wichtig ist als die schwindelerregend im Maschinenraum der Komposition sich ineinander fügenden Zahnräder. Mögen auch die „Hammerklaviersonate“ von Beethoven und Liszts thematische Transformation von der Idee her die Sonate bestimmen, so höre ich in den emotional schroff disparaten und von den Stimmungen jäh wechselnden Themen und deren Abfolge das Himmelhoch-Jauchzen und sich im nächsten Augenblick Hängen-Lassen eines jungen Menschen, dessen rasant mäandernde Sehnsüchte und Selbstzweifel beinahe ein unentwirrbares Gefühlschaos anrichten. Aus dynamisch und von den Rubati her extremen Polen heraus modelliert Tanin gestisch eine frappant moderne Klangskulptur. Das technisch ausgereifte Können stellt Tanin ganz in den Dienst des emotionalen Hochdrucks der Musik, wischt zärtlich kristallin über die Tasten, zögert, bevor ein wütendes Fortissimo sich Bahn bricht. Im Andante nach einem altdeutschen Minnelied schlägt Tanin frühromantisch leisere Töne an, nur um sich im Scherzo und vor allem im Allegro con fuoco ohne Rücksicht auf Verluste in die Hochschaubahn des Lebens und für Brahms‘ Verhältnisse avantgardistische Harmonien zu stürzen.

Bei Franz Liszt Bearbeitungen der sechs Schubert-Lieder betont Tanin den hochromantisch bis pathetischen Gestus der Klavierfassung, ohne Schuberts subtile Melodien zu verscherbeln. Auch hier fällt der Mut des Pianisten auf, musikalisch grelle Farbe zu zeigen, aber auch das tiefe Gefühl für die sanften bis gebrochenen Helden der Lieder zu feiern. 

Was für ein Talent, welch ein Debüt!

Dr. Ingobert Waltenberger

 

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