Solti zähmt Prokofjew und Tschaikowsky – ein Münchner Live-Feuerwerk

Am 10. Februar 1984 kehrte Sir Georg Solti, der 71-jährige ungarische Titan, in den Herkulessaal der Münchner Residenz zurück – jenen Saal, in dem er einst als junger Mann die Trümmer der Nachkriegsoper zusammenschweißte. BR Klassik packt dieses Sonderkonzert nun auf eine Doppel-CD: Prokofjews „Romeo und Julia“-Auszüge und Tschaikowskys vierte Sinfonie, live mit dem Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks. Was als romantisches Stelldichein mit zwei russischen Riesen beginnt, entpuppt sich als Präzisionsübung: Solti dirigiert nicht mit dem Herz, sondern mit dem Skalpell. Gefühle? Ja, aber bitte in Reih und Glied.
Prokofjews Ballettmusik – hier in einer 14-teiligen Auswahl aus den drei offiziellen Suiten – ist normalerweise ein Klangkarussell aus Liebesrausch, Duellgeklirr und Todesschmerz. Solti lässt das Karussell drehen, aber mit angezogener Handbremse. Das Vorspiel setzt mit sehnendem Streicherklang ein, bohrend wie ein Bohrer in weichem Holz. Kein sentimentales Seufzen, sondern ein muskulöses Aufbäumen. Der „Morgenliche Tanz“ knallt los: Solti schärft die Akzente, als wollte er Prokofjew vorwerfen, er habe zu viel Zucker in die Partitur gekippt. Julia tritt kapriziös auf, ein Teenager mit Attitüde, nicht mit Tränen. Die Ritter marschieren muskulös, aber ohne Testosteron-Overkill – hier wird nicht gebrüllt, hier wird gestochen.
Die Balkonszene? Klangzauber pur. Die Streicher singen, die Holzbläser tupfen wie verliebte Pinselstriche. Romeo präsentiert sich in seinen Variationen sportiv, tänzerisch – kein schmachtender Prinz, sondern ein Turniertänzer mit Adrenalin. Der Liebestanz glüht leidenschaftlich, bleibt aber in der Spur: Solti dirigiert wie ein Choreograf, der weiß, dass ein Schritt zu viel die Bühne zum Einsturz bringt. Das Duell explodiert feurig, Mercutios Tod klagt bohrend, Julias Tod wird zur berührenden Klage – nicht weil Solti plötzlich weich wird, sondern weil das Orchester so präzise hingegeben spielt, dass die Emotion durch die Ritzen der Kontrolle sickert. Man spürt die Tragödie, aber nicht als Schwall, sondern als Skalpellstich.
Tschaikowskys vierte Sinfonie, jenes Briefgeheimnis an Nadjeschda von Meck, ist bei Solti kein russischer Seelenstriptease. Der Kopfsatz beginnt mit kontrollierter Emphase – das Schicksalsfanfaren-Motiv donnert, aber nicht wie ein Gewitter, sondern wie ein gut dressierter Blitz. Rhythmik streng, Dynamik überlegen dosiert. Kein gefühliger Tschaikowsky, der sich in Selbstmitleid suhlt; hier wird das Schicksal nicht erlitten, sondern analysiert. Der langsame Satz überrascht: Solti stellt das Kanzonenhafte in den Vordergrund, lässt Oboe und Streicher in einen intimen Dialog treten – kein Schmachten, sondern ein ehrlicher Austausch, lyrisch und klar. Als würde Tschaikowsky seiner Mäzenin nicht die Seele ausschütten, sondern einen höflichen, aber bestimmten Brief diktieren.
Das Scherzo ist Soltis Paradespielplatz. Er nimmt es eher langsam, aber die Phrasierung ist so transparent, die Struktur so durchsichtig, dass man die Architektur des Satzes wie ein Röntgenbild sieht. Die Pizzicati der Streicher klicken wie ein Metronom, die Bläser antworten präzise – hier wird nicht fantasiert, hier wird demonstriert. Das Finale dann: zackig, trocken, rasant. Kein Feuerwerk mit Wunderkerzen, sondern ein maschinell präzises Silvesterknallen. Das Orchester bleibt streng kontrolliert, als hätte Solti eine unsichtbare Leine um jedes Pult geschlungen. Die Freude über die Freude anderer? Ja, aber bitte in Formation.
Was bleibt? Solti zeigt sich einmal mehr als strenges Metronom, dem Kontrolle, Klangschönheit und präziser Rhythmus über alles geht. Er ist kein Gefühlsmusiker, der die Zuhörer in Tränen badet, sondern ein Architekt, der Details freilegt, die sonst untergehen. Das Münchner Orchester folgt ihm hingebungsvoll – die Streicher glühen, die Bläser beißen, die Pauken donnern exakt. Die Live-Atmosphäre knistert, doch Solti übertreibt nicht. Er zähmt die russischen Riesen, macht aus Prokofjews Ballett einen Präzisionstanz und aus Tschaikowskys Sinfonie ein analytisches Drama.
Kritik? Nun, wer Sentimentalität sucht, wird enttäuscht. Wer aber hören will, wie man Emotion durch Disziplin potenziert, bekommt ein Meisterstück. Die Aufnahmequalität ist hervorragend, der Herkulessaal klingt warm, aber nicht verschwommen. Eine Doppel-CD für jene, die Klassik nicht als Kuscheldecke, sondern als Skalpell wollen. Solti dirigiert nicht mit dem Herz – er dirigiert mit dem Verstand. Und das ist bei diesen Werken erfrischend.
Dirk Schauß, im November 2025
Sergej Prokofjew
Romeo und Julia, op. 64 – Ausschnitte
Pjotr I. Tschaikowsky
Sinfonie Nr. 4 f-moll, op. 36
Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks
Sir Georg Solti, musikalische Leitung
BR Klassik, 900230

