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CD SERGEJ PROKOFIEV – LIEDER und ROMANZEN – MARGARITA GRITSKOVA, MARIA PRINZ; NAXOS

31.05.2020 | cd

CD SERGEJ PROKOFIEV – LIEDER und ROMANZEN – MARGARITA GRITSKOVA, MARIA PRINZ; NAXOS

 

Es ist ihre zweite Lied-CD für das Label Naxos, diesmal ausschließlich russischen Liedern von Sergej Prokofiev gewidmet. Die in Leningrad gebürtige russische Mezzosopranistin Margarita Gritskova, die sich international im Operngeschäft als Cherubino, Carmen oder koloraturgewandte Belcantistin einen guten Namen gemacht hat, ist auch eine vorzügliche Liedsängerin. Ihr dunkler slawischer Mezzo mit beeindruckender Kontraalttiefe und frei aufblühenden silbrigen Höhen bietet ein  hervorragendes vokales Fundament, um das weite Land der Lieder und Romanzen russischer Provenienz in all ihrer Vielgestaltigkeit zu durchschreiten.

 

Prokofievs Liedschaffen spiegelt seine instrumentalen Markenzeichen: Gemäßigte Moderne, Klassizismus, Einbau russischen Volksliedguts. Sein Verhältnis zum sowjetischen Regime reparierte er kompositorisch mit Opern wie „Semjon Kotko“, für die innere Distanz und die zornige Abreaktion jeglichem Zwang gegenüber sorgen wild mechanische Rhythmen wie bei Shostakovich oder ironisch witzige Brechungen, die auch seine Vokalschöpfungen nicht unberührt gelassen haben. Ich stimme mit Sinkovicz im Booklet-Aufsatz mit dem Titel „Prokofiev der Melodiker“ nicht ganz überein. Prokofiev war kein Genie im Ausbrüten berührender Melodien.  Wem fällt in unseren Breiten auf Anhieb ein Prokofievlied ein, das er auswendig singen kann?

 

Prokofiev bezieht die Spannung und das Interesse in seinem Liedschaffen über die harmonischen und rhythmischen Reibungen zwischen Klavier- und Solopart. Ihm ist das expressive Ausleuchtung des poetischen Worts, sein innerer Klang und dessen emotionale Bedeutung wichtiger als das Baden in Kantilenen. Oftmals mutet der Gesang daher wie ein Rezitativ an, wie eine Prosodie im antikischen Sinn. Natürlich steuern die folkloristischen Beimischungen viel zu den originell gestalteten Gesangslinien bei.

 

Dabei scheut Prokofiev auch vor drastischen, opernhaften Ausdrucksmitteln nicht zurück, beweist aber auch feinen Humor wie etwa im Lied „Hässliches Entlein“ oder schafft eine düstere märchenhaft erzählerische Atmosphäre wie in den Liedern Op. 23“ Das graue Kleidchen“ oder „Der Zauberer“. 

 

Margarita Gritskova ist eine großartige Interpretin der 16 auf der CD vorgestellten Lieder und Romanzen. Ihr üppiger, jugendlich frischer, vom Timbre her sofort wieder erkennbarer Mezzo eröffnet uns groß das Tor zu dieser doch nicht sofort zugänglichen poetischen Welt, zu diesem Amalgam aus lyrischer, sanft melancholischer Grundtönung, scharf akzentuierter Deklamation und ironischen Einsprengseln. Besonders beeindrucken die Interpretation der fünf Gedichte von Anna Akhmatova, aber auch „Denk an mich“ aus den Gedichten Op. 36 bzw. die Lied-Vertonungen aus „Lieutenant Kijé“ und „Alexander Nevsky“. 

 

Dabei vermittelt Gritskova alle Stimmungen, genießt vokalisenartiges Schwelgen („Vertraue mir“), haucht die Worte oder mischt kraftvolle Rottöne in den nicht selten exotisch anmutenden Klangfluss. Stets bleibt sie dem Erzählfaden aufs Wort treu, ihre große Stimme stellt Gritskova in den Dienst aller Finessen von Textausdeutung und gestalterischer Magie. Ob Erinnerungsgrübeln („Die Sonne erfüllte mein Zimmer“), Kontemplatives wie den „Grauäugigen König“, die Präzision der vokalen Umsetzung verblüfft durch Spontanität und hohe künstlerische Integrität. Maria Prinz ist eine aufmerksame Partnerin im musikalischen Dialog, die die Stimme wie auf Wolken trägt und – wo nötig – den detailreichen pianistischen Kontrapunkt setzt.

 

Empfehlung!

 

Dr. Ingobert Waltenberger

 

 

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